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Oscar Wilde-Inszenierung : Die Damen mit dem Haifischlächeln

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Auch in der Ehe ist Platz für den einen oder anderen Machtkampf: Staatssekretär Robert Chiltern (Michael Birnbaum) und seine Frau Gertrud (Judith Bohle) Bild: Paul Leclaire

Es ist nicht leicht, Leichtigkeit zu erzeugen. In Wiesbaden aber gibt es den perfekten Theaterabend: Am Staatstheater ist „Der ideale Ehemann“ von Oscar Wilde zu sehen.

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          Während das Publikum die Plätze einnimmt, füllt sich im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden allmählich auch die offene Bühne (Stefan Heyne). In der Lobby eines Hotels, großzügig mit Mobiliar aus der Nierentisch-Ära ausgestattet, treffen sich die besseren Kreise der Stadt, die Damen begrüßen einander mit exaltierter Begeisterung, die Herren nehmen ihre Drinks zu sich. Alle rauchen, überall stehen Aschenbecher, und immer wieder speien die übergroßen Drehtüren neue illustre Gäste aus, immer wieder verkündet auch der Butler (Toomas Täht) das Eintreffen Wiesbadener Honoratioren. Ein Wink mit dem Zaunpfahl, der darauf hinweist, dass das in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts entstandene Stück frisch und aktuell ist? Dass es nicht nur in London, sondern auch in der Hautevolee der hessischen Landeshauptstadt spielen könnte?

          Das ist natürlich Unfug, und Tilo Nest will mit seiner treffsicheren Inszenierung von Oscar Wildes viktorianischer Gesellschaftskomödie nichts weniger, als unserer Gegenwart, die auf ganz andere Weise korrumpiert, aber gewiss nicht weniger doppelmoralisch ist, platterdings einen Spiegel vorzuhalten. Selbst Uwe Barschels im Laufe des Abends mehrfach zitiertes berüchtigtes Ehrenwort wirkt hier eher wie nebenbei unaufdringlich eingestreut. Doch holt gerade die auf die Spitze getriebene Künstlichkeit des Stücks es bemerkenswert nahe an uns heran. Dieser Oscar Wilde hat uns, als ebenso hellsichtiger wie erbarmungsloser Analytiker seiner Epoche, über alle funkelnden Bonmots und Sottisen hinaus, eine Menge zu sagen.

          Viel Szenenapplaus und Gelächter

          Dass man das nicht sofort bemerkt, macht vielleicht den größten Vorzug dieses nur an der Oberfläche bonbonbunten Wilde-Abends aus. Denn was man sieht und immer wieder auch hört, ist ein deutscher Unterhaltungsfilm der fünfziger Jahre. Die Damen tragen Petticoats und taillierte Etuikleider, immer wieder werden Filmschlager eingespielt, wozu die Schauspieler inbrünstig die passenden Lippenbewegungen machen. Man würde sich nicht wundern, kämen Caterina Valente und Peter Alexander persönlich aus der Kulisse.

          Erstaunlicherweise bietet die Einbettung der Handlung in die billige filmische Konfektionsware einen entspannt unaufgeregten Fingerzeig auf die Verlogenheit der hier gezeigten Gesellschaft, die in Stereotypen gefangen ist und zudem auch noch gern in wortgleichen Wiederholungen spricht, so wie es ehedem war, wenn Schallplatten einen tiefen Kratzer hatten. Vor allem Margot Markby (Evelyn M. Faber) wird als verkörperte Hohlheit zum redundanten Plapperautomaten. Natürlich führt das immer wieder zu grotesken Situationen auf der Bühne, einer von vielen Gründen für Szenenapplaus und Gelächter.

          Inszenierung, die man gern ein zweites Mal ansehen würde

          Das ganze Gesellschaftsballett, das zu heiter-südamerikanischen Rhythmen ab und zu auch pantomimisch tanzt, agiert hier so überkünstelt und falsch, dass es schon wieder in tiefe Wahrhaftigkeit zurückkippt. Bösartig und verlogen ist nicht nur die skrupellose Intrigantin Laura Cheveley, die den nach außen hin so rechtschaffenen Staatssekretär Robert Chiltern (Michael Birnbaum) mit einem Brief erpresst, der als Grundstock seines Vermögens und seiner Karriere einen Verrat von Staatsgeheimnissen offenbart. Auch Chilterns moralinsaure Gattin Gertrud (Judith Bohle) ist nicht minder von Hass und Heuchelei zerfressen. Alle diese Damen mit ihrem sprichwörtlichen Haifischlächeln sind jederzeit bereit, einander an die Gurgel zu gehen. Dass dieser böse Befund mit einer verblüffenden Leichtigkeit als sarkastische Revue präsentiert wird, macht den Reiz dieses begeisternden Abends aus.

          Nests Inszenierung geht so verschwenderisch mit ihren zahlreichen großen und kleinen Einfällen um, dass man sie sich gerne ein zweites Mal anschauen möchte, um den Eindruck zu überprüfen, selbst kleinste Nebengesten seien genau durchdacht und deklinierten die Themen Künstlichkeit, Oberfläche und Verstellung in allen Spielarten durch. Dazu gehört auch die prekäre Existenz des homosexuellen Lebemanns Arthur Goring (Janning Khanert) der sich, gedrängt von seinem bärbeißigen und immer wieder von grotesken Niesanfällen gebeutelten Vater (Rainer Kühn), am Ende zur Ehe mit der hysterischen Göre Mabel Chiltern (Barbara Dussler) durchringt.

          Nur allzu leicht können Ideenfluten Inszenierungen überladen, nur allzu oft führt ein Zuviel des Guten zur Übermüdung des Betrachters. Nest nimmt mit einem sehr genauen Gespür für Dosis und Timing immer gerade noch die Kurve, er überdreht lustvoll, überreizt aber nicht. Sein Wiesbadener Ensemble hat er zu Höchstleistungen angetrieben und damit einmal mehr gezeigt, dass man es sich nicht leicht machen darf, wenn man Leichtigkeit erzeugen will. Ovationen und Bravos für die Schauspieler und das Regie-Team.

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          Nächste Vorstellungen am 5., 10., 13., 21., 25., 27. und 31. Dezember

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