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Opernsänger Daniel Miroslaw : „Singen ist genau das, was ich will“

Neuankömmling: Der polnische Bass Daniel Miroslaw auf der Probebühne der Oper. Bild: Lukas Kreibig

Erst hatte Daniel Miroslaw Sportler werden sollen, dann gründete er ein Internet-Start-up. Richtig froh machte ihn das alles nicht: Jetzt ist er Opernsänger.

          Einen sanften Anfang stellt man sich anders vor. Seit Daniel Miroslaw vor ein paar Wochen die Füße auf deutschen Boden gesetzt hat, kämpft er mit der Aussprache. Demnächst will er mit einem Deutschlehrer intensiv üben: „Jeder Konsonant muss sitzen“, sagt er. Nicht leicht, wenn man Polnisch als Muttersprache hat, die vergangenen Jahre in New York zubrachte und am liebsten italienische Opern singt. „Gesund für die Stimme und ein reines Vergnügen beim Singen“ seien die Werke des Belcanto.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Daniel Miroslaw allerdings, das schmale Gesicht mit einem imposanten Schnauzbart ausgestattet, wirkt keinesfalls so, als lasse er sich durch irgendetwas sonderlich einschüchtern. Auch davon nicht, dass sein allererster Auftritt an der Frankfurter Oper ein zeitgenössisches deutschsprachiges Musiktheater in deutscher Erstaufführung sein wird: Er singt den Freund Lothar in Andrea Lorenzo Scartazzinis „Der Sandmann“, von Librettist Thomas Jonigk nach der Erzählung von E.T.A. Hoffmann geschrieben. Immerhin, wenigstens ein paar der Namen in der Geschichte um die Automatenfrau Olimpia und den Dämon Coppelius sind italienisch, harte Konsonanten und Umlaute wird es dennoch reichlich geben.

          „Im Alter von 21 Jahren wusste ich gar nicht, was Oper ist.“

          Für Miroslaw, der in Frankfurt sein erstes festes Engagement überhaupt antritt, bedeutet das intensives tägliches Proben und Aussprachetraining. „Ich habe zwar Deutsch in der Schule gehabt - aber meistens habe ich geschwänzt“, sagt er, ohne eine Miene zu verziehen. Überhaupt habe er viel Schule geschwänzt in seiner Kindheit und Jugend in Warschau. „Wäre ich auf einer künstlerischen Schule gewesen, wäre es vielleicht anders gekommen“, sagt er. Stattdessen gaben ihn die Eltern in eine Schule mit Leistungssportausbildung. Vier Stunden Training am Tag hat er schon im Alter von sieben Jahren an abgeleistet, bis er 14 war, wurde er erst im Turnen, dann in Eishockey intensiv ausgebildet. Vielleicht kein Wunder, dass er heute sagt: „Ich muss mich frei fühlen.“

          Aus dem sportiven Drill allerdings hat er sich, wenn auch spät, in die rigorose Disziplin des Singens begeben. Schwer vorstellbar, dass er, wenn auch im zarten Alter von sechs Jahren, zu schüchtern für den Kinderchor gewesen sein sollte - und ein „sehr hoher Sopran“. Mittlerweile ist er ein Bass, was eher zufällig herauskam. „Ich habe aus Neugier mal Stimmtraining genommen, und da entdeckte ich, dass ich eine Singstimme habe.“ Im Alter von 21 Jahren „wusste ich gar nicht, was Oper ist“, erinnert sich Miroslaw. Heute, mit 30, weiß er: „Singen ist genau das, was ich tun will. Und wenn ich etwas will, dann mache ich das hundertprozentig“, sagt der ultraschlanke, hochgewachsene Sänger, der sein Outfit, perfekt auf die himmelblauen Augen abgestimmt, so lässig daherträgt, wie er von seiner bisherigen Karriere redet: Trompete hat er gelernt, seit der Schule, und das offenbar so gut, dass er selbst unterrichtete. Dann ging er ins Internetgeschäft, offenbar auch das erfolgreich - „aber es hat mich nicht froh gemacht“.

          Von New York nach Frankfurt

          Immerhin scheint ein bisschen Zeit für Musik geblieben zu sein und für das Entdecken des eigenen Potentials. Die ersten Jahre seiner Gesangsausbildung, sagt Miroslaw, habe er dafür gebraucht, hören zu lernen. Das Singenlernen selber ist ihm dann doch nicht so leicht gefallen, wie sein ungewöhnlicher Lebenslauf vermuten ließe: „Ich musste erst den richtigen Lehrer finden.“ Nach Stationen in Lodz und an der Guildhall School of Music and Drama in London sowie ein paar Monaten an der Musikhochschule in Mannheim hat er ihn gefunden - oder vielmehr sie: Er kam an die berühmte Juillard School in New York. Und wie seine jetzige Ensemblekollegin Karen Vuong hat er bei Edith Wiens studiert und auch an deren Internationaler Meistersinger Akademie in Neumarkt teilgenommen. Ein gutes Training: Nach den ersten New Yorker Auftritten im Rahmen der Ausbildung hat er im vergangenen Dezember Opernintendant Bernd Loebe vorgesungen und wurde engagiert.

          Nun könnte ihm, nach Jahren der Ortswechsel, Frankfurt eine Art neue Heimat werden. Neben kleineren Rollen in „La Bohème“, der „Zauberflöte“ und „Eugen Onegin“ übernimmt er bis nächsten Frühling die Partie des Panthée in Berlioz’ Monumentalwerk „Les Troyens“. Der einstige Sportler ist ab und an durchaus noch im Fitnessstudio anzutreffen, ansonsten aber ruht er sich zwischen dem Notenstudium lieber aus oder wandert durch Wälder. In Frankfurt hat er, in weiblicher Begleitung, als Erstes die Ruderboote im Palmengarten getestet. Das Bötchenfahren im nächsten Sommer kann er schon mal für East Sussex einplanen: 2017 wird Miroslaw beim idyllischen Glyndebourne Festival den Truffaldin in Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ singen.

          Premiere von „Der Sandmann“ an der Oper Frankfurt am 18. September um 18 Uhr.

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