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Oper „Werther“ in Mainz : Ein Katalysator von Frauengefühlen

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Massenets Oper „Werther“ in der Inszenierung von Tatjana Gürbaca hatte im Staatstheater Mainz Premiere. Tatjana Gürbaca verlegt in ihrer Inszenierung das Geschehen in eine unspektakuläre Gegenwart.

          Als Goethe „Die Leiden des jungen Werthers“ schrieb, ging am musikalischen Himmel der Stern Mozarts auf. Die Komposition der Oper „Werther“ von Jules Massenet am Ende des 19. Jahrhunderts zählt zu den Spätblüten der Romantik. Dazwischen liegt ein Jahrhundert, dessen musikalische Produktion bis zum heutigen Tage Konzertsäle füllt, in der Gegenwart zur Auseinandersetzung stimuliert. Aktuell ist auch Massenets Profilierung der Werther-Thematik, die sich von der Titelfigur partiell emanzipiert und der Angebeteten Charlotte zuwendet. Diese hat als Älteste in einer kinderreichen Familie früh Verantwortung übernehmen müssen, als die Mutter verstarb. Jetzt ist sie zur jungen Frau gereift und für ihre nächste dienende Rolle als gehorsame Ehefrau des soliden Albert konditioniert. Da bricht dieser unmögliche Werther in ihr Leben ein, ohne dauerhafte finanzielle Basis, aber mit großen Gefühlen jonglierend und zur Selbstfindung herausfordernd.

          Das Beharren auf Individualität gegen die Erwartungen und Zwänge der Gesellschaft verhalf Erfindern, Unternehmern und Künstlern im 19. Jahrhundert oft zum Erfolg und brachte so auf einem Umweg die zunächst vorenthaltene Anerkennung. Aber Charlotte verpasst ihre Chance und heiratet den Sicherheit bietenden Mann. Vergleichbare Entscheidungssituation sind immer zeitgemäß: Sachzwänge hier, der Wunsch, das eigene Leben für eine Herzensangelegenheit in die Waagschale zu werfen dort. Tatjana Gürbaca zieht daraus in ihrer Neuinszenierung des Massenetschen „Werther“ eine geläufige Konsequenz, verlegt das Geschehen in eine unspektakuläre Gegenwart und lässt es in einem funktionalen Einheitsraum spielen.

          Dort können die überzeitlichen Elemente des Stücks Wirkung entfalten, doch sie sind eben nur ein Teil der Aussage. Die quirlige Kinderschar mit ihrem modernen Überschuss an Spielzeug – hier in Gestalt hunderter Stofftiere – vergegenwärtigt den Trubel, der Charlotte kaum zur Ruhe und zu sich selbst kommen lässt. Eine Empfindung für die für Werther so beeindruckende intime Häuslichkeit kann in diesem Ambiente nicht aufkommen. Die kühle, helle Sachlichkeit des Bühnenbildes von Marc Weeger und Silke Willrett lässt Momente der Innerlichkeit nicht zu, doch sie gälte es solche zu modellieren, um für die Situation der Hauptfiguren Empathie zu entwickeln.

          Gürbaca lässt der Musik immerhin genug Luft, um diese Lücke zu füllen und unter der Leitung seines Ersten Kapellmeisters nimmt sich das Philharmonische Staatsorchester Mainz dieser Aufgabe beherzt an. Besondere Sorgfalt lässt Thomas Dorsch den suggestiv aufgefächerten instrumentalen Abschnitten zukommen. Die Unterstützung der Sängerdarsteller zeigt sich ungeachtet anfänglicher Sprödigkeiten solide, entwickelt zum dritten Akt hin auch einen suggestiven Sog. Auf der Bühne verfügt eine spritzige Tatjana Charalgina als Lottes Schwester Sophie ebenso über ein ausgezeichnetes Rollenverständnis wie Richard Morrison, der die hinter der Fassade des blassen Bürokraten Albert sich aufstauende Aggressivität punktgenau zur Explosion bringt.

          Mit ihrem vibratoreichen und üppigen Sopran gibt Patricia Roach der Charlotte ein musikalisches Profil, das sich nicht ganz in das Bild eines soeben erst aufbrechenden jungen Lebens fügt. Sergio Blazquez ist in seinem kugelrunden Narzissmus und mit seinem larmoyant eingefärbten Timbre ein ausgezeichneter Werther. Ein perfekter Katalysator für Frauengefühle, doch als Ehegatte wahrscheinlich ähnlich untauglich wie der Rodolfo in Puccinis musikalisch wie historisch benachbarter „Bohème“. Zum Ende hin lässt Gürbaca die vergreiste Ausgabe des Liebespaares als Projektion alternativen Scheiterns durch die Szene laufen; im lemurenhaft gleichgültigen Nebeneinander. Dann doch lieber die Gnade des frühen Todes?

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