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Oper : In Jeans wartet die Geisha auf den Göttergatten

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Aus einem so bekannten Werk wie Giacomo Puccinis "Madama Butterfly" lassen sich kaum fundamental neue Einsichten gewinnen. Bei seiner Neuinszenierung am Staatstheater Wiesbaden sucht Jakob Peters-Messer statt dessen eine mit ruhiger Hand gezeichnete Gesamtschau zu ermöglichen.

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          Aus einem so bekannten Werk wie Giacomo Puccinis "Madama Butterfly" lassen sich kaum fundamental neue Einsichten gewinnen. Bei seiner Neuinszenierung am Staatstheater Wiesbaden sucht Jakob Peters-Messer statt dessen eine mit ruhiger Hand gezeichnete Gesamtschau zu ermöglichen. Im ersten Akt konzentriert er sich dabei auf die Beziehung zwischen der japanischen Geisha Cio-Cio-San und dem amerikanischen Marineleutnant Pinkerton. Johann Valdimarsson verkörpert den Bräutigam als dicklich-fröhlichen Jungen, der sich auf die von ihm selbst als reine Lebensabschnittspartnerschaft gedachte Ehe mit seiner Butterfly freut wie ein Kind über sein neues Spielzeug. Dem unbedachten Schmettern Pinkertons setzt Thomas de Vries als skrupulöser amerikanischer Konsul Sharpless ein sonor timbriertes Verantwortungsbewußtsein entgegen. Seinem Ansinnen, mit der durch ökonomische und militärische Potenz verliehenen Macht verantwortungsvoll umzugehen, verschließt sich der junge Leutnant zunächst. Der Rest ist Operngeschichte.

          Peters-Messer maßt sich im zweiten und dritten Akt nicht an, diese Geschichte neu zu schreiben, verleiht ihr durch eine konsequente Verwestlichung der Butterfly und mit einer auf Verallgemeinerung zielenden Ablösung vom Einzelschicksal jedoch eine größere Tiefenschärfe. Die Wiesbadener Butterfly Oxana Botscharova wartet in Jeans und Turnschuhen auf die Rückkehr ihres vermeintlichen Göttergatten. Abraham Lincoln heißt sein Schiff, und dieser Name steht, sie weiß es genau, für die politischen Tugenden und demokratischen Traditionen seines Heimatlandes. Mit denen möchte sie ihr Haus endlich füllen, doch an ihrer Statt leuchten im Hintergrund jene an gotische Kirchenfenster gemahnenden und mit touristischem Interesse bestaunten gelben Lichtbögen auf, die in der Jetztzeit eine weltumspannende Fast-food-Kultur symbolisieren. Statt der üblichen und wohlfeilen antiimperialistischen Attitüde entfaltet sich in Wiesbaden ein sublimes Bedauern über die Unvollkommenheit und Einseitigkeit des sich letztlich auf das Ökonomische beschränkenden Kulturtransfers. So ist es schließlich entgegen gängiger Lesart auch nicht Pinkerton, sondern der für die verheißenen kulturellen und gesellschaftlichen Werte stehende Konsul, der über der Leiche Cio-Cio-Sans zusammenbricht.

          Unter der Leitung von Enrico Delamboye leuchtet das Hessische Staatsorchester Wiesbaden in jede Seelenfalte hinein, konturiert andererseits mit rhythmischem Biß Schocks und aufbrechende Verwerfungen. Sehr beachtlich auch die präzise Leistung des von Thomas Lang einstudierten Chors. Mit präziser Zeichen-Setzung und einer meist exzellenten Personenführung im bestechend schlichten Bühnenbild von Markus Meyer gelingt es dieser unspektakulären Inszenierung, unmittelbare Ergriffenheit vom Einzelschicksal mit verallgemeinernder Reflexion zu verbinden, komplizierte Sachverhalte durch einfache Symbole zu gestalten. Zustimmung und Verständnis hielten sich bei der Premiere in Grenzen.BENEDIKT STEGEMANN

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