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Generalmusikdirektor : „Ich studiere Opern für die nächste Saison“

Generalmusikdirektors Sebastian Weigle auf der Bühne der Neuproduktion von Wagners "Tristan und Isolde" an der Oper in Frankfurt Bild: Frank Röth

Die Oper Frankfurt pausiert während der Corona-Pandemie. Generalmusikdirektor Sebastian Weigle kommt mit der Kontaktsperre gut zurecht. Wie wird es nach der Krise weitergehen?

          2 Min.

          Wie hat sich Ihr Alltag durch die Krise verändert?

          Guido Holze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ich habe plötzlich Zeit – und nutze im Moment keinen Wecker. Mein streng organisierter und klar getakteter Tagesablauf ist verlorengegangen. Jetzt wasche ich mir extrem oft die Hände – nicht, dass ich das früher nicht gemacht hätte, aber in dieser Situation eben auffällig oft. Bei sozialen Kontakten habe ich mich gänzlich auf Telefon oder Smartphone verlegt. Außerdem habe ich Zeit, viel mehr Nachrichten zu hören und diese zu vergleichen und einzuordnen. Einkaufen gehe ich nur noch einmal die Woche und halte dabei ausreichend Abstand. Das unfreiwillige Zuhausebleiben verändert Gemüt und Tatendrang. Es fühlt sich aber auch ein wenig wie Urlaub mitten in der Saison an.

          Kennen Sie jemanden, der infiziert ist?

          Eigentlich niemanden, außer den Künstlerkollegen, die sich in den sozialen Netzwerken selbst bemerkbar machen.

          Haben Sie Sorge um Ihre Gesundheit oder die Ihrer Angehörigen?

          Ich fände es schlimm, wenn es nicht so wäre – und das sollte wirklich jedem so gehen! In allererster Linie sorge ich mich um die engsten Verwandten, zum Beispiel meine Mutter, die aber ganz vorbildlich zu Hause bleibt und einsichtig ist – dafür telefonieren wir regelmäßig.

          Wie kommen Sie mit der Kontaktsperre zurecht?

          Ich muss sagen: Recht gut – ich staune da selbst über mich. Aber da es wohl absolut notwendig und auch sinnvoll ist, um das Virus einzudämmen, schultert man diese Einschränkungen sicher leichter.

          Womit beschäftigen Sie sich derzeit musikalisch?

          Ich studiere Opern und Konzertwerke für die kommende Saison. Das ist sehr spannend, weil ich viel mehr Zeit habe, als eigentlich geplant war, und ich mich so noch intensiver in Musik hineinarbeiten kann.

          Sehen Sie auch Vorteile?

          Nein zu sagen wäre falsch. Denn die Umstände zwingen uns auch, etwas zu tun oder zu erfinden, um nicht zur Couchpotato zu verkommen, zum Beispiel erledigt man durch die gewonnene Zeit viel mehr im Haushalt – Stichwort: Kleiderschrank, Aktenordner, Schreibtisch, Fotos, Filme. Außerdem muss ich nun selbst weiter das Kochen lernen. Positiv muss man auf jeden Fall die Solidarität gerade auch der Kulturschaffenden untereinander sehen. So bin ich dankbar, dass sich innerhalb kürzester Zeit ein Nothilfefonds der Deutschen Orchester-Stiftung gegründet hat.

          Wie geht es für Sie als Chefdirigent des Yomiuri Nippon Symphony Orchestra in Tokio weiter?

          Wir pausieren gerade auch und besprechen zukunftsgewandt neue Projekte. Ich hoffe, dass meine Konzerte im Juli wieder stattfinden können, wenn es die Situation erlaubt.

          Wird nach dem Ende der Krise alles wie vorher sein, oder erwarten Sie gravierende dauerhafte Veränderungen?

          Selbst wenn ich nur die Kultur betrachte, lässt sich das schwer einschätzen. Ein Traumzustand ist sowieso nur schwer zu erreichen, aber wenn wir es möglichst bald in allen wichtigen Lebensbereichen – und dazu zähle ich die Kultur ausdrücklich – zu einem „Status quo ante Corona“ brächten, wäre das nur zu wünschen. Denn unser Publikum braucht uns (die Sparten Theater, Oper, Konzert, Tanz, Kleinkunst) und die dort stattfindende gesellschaftliche Debatte ebenso wie alles „Leichte“, das auch mit daranhängt: sich schön anzuziehen, die Gastronomie davor oder hinterher zu genießen und vor allem das Wiederzusammenkommen nach Corona – übrigens eine alte Bezeichnung für Fermate, das Ruhezeichen und den Haltepunkt in der Musik. Wir Einzelnen werden das wohl nicht in der Hand haben, daher wünsche ich mir, dass sich die Politik mit den Kulturschaffenden an einen Tisch setzt, um die Kultureinrichtungen und deren Fortbestand zu sichern. Bitte bleiben Sie der Kunst gewogen, und bitte bleiben Sie gesund! Ich gehe jetzt erst mal Hände waschen.

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