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Opern-Premiere gerettet : Ein echter Teufelsritt

Familienfreundlich: Mit viel organisatorischem Aufwand läuft die Oper „Die Nacht vor Weihnachten“ an. Bild: Monika Rittershaus

Eine organisatorische Blitzaktion: Mit 2G-plus, Maskenpflicht und Schachbrettmuster findet die Frankfurter Erstaufführung der Oper „Die Nacht vor Weihnachten“ von Nikolai Rimski-Korsakow statt.

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          Viele Telefonate mit Abonnenten, eine organisatorische Blitzaktion und die Neudisposition der Plätze machen es möglich: Mit 2 G-Plus-Regelung, Maskenpflicht und Schachbrettmuster findet die Frankfurter Erstaufführung der Oper „Die Nacht vor Weihnachten“ von Nikolai Rimski-Korsakow zum vorgesehenen Termin am 5. Dezember statt. Christof Loy und Sebastian Weigle sind erleichtert und sicher, dass die unbekannte Musik viele Zuhörer sofort in den Bann ziehen wird. Der Regisseur und der Generalmusikdirektor, die durch ihre vielen gemeinsamen Produktionen an der Oper Frankfurt ein eingespieltes Team sind, geraten geradezu ins Schwärmen, wenn sie über das 1895 in Sankt Petersburg uraufgeführte Stück sprechen. Schon die Ouvertüre umarme die Zuhörer, der Klangzauber sei überwältigend, sagt Weigle. Gerade das Gefühl, geliebt zu werden, das sich auch inhaltlich mit dem pantheistischen Weltbild Rimski-Korsakows in der Oper vermittle, sei in diesen Zeiten so wichtig, fügt Loy an.

          Teufelspakt für die Liebe

          Guido Holze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Unter „kosmischen Sphären“, die sich im Bühnenbild von Johannes Leiacker mit den in die Kulissenwände eingebauten Lämpchen und raffinierten Lichteffekten nach Sternhimmel-Art widerspiegeln, ereigne sich „das pralle Leben, mit Menschen, die lieben und streiten“, oft mit viel Situationskomik, angesiedelt in einem ukrainischen Dorf. Dieses Wechselspiel von großem philosophischen Aufbau und genau beschriebenen Menschen sei typisch für Nikolai Gogol, der mit seiner gleichnamigen Erzählung die Vorlage für Rimski-Korsakows Oper schuf, erläutert Loy, der wie Weigle der russischen Musik und Literatur sehr zugeneigt ist.

          Im Kern ist die Handlung um „ein klassisches Liebespaar“ sehr einfach. So sind da die kokette Gutsherrentochter Oksana, „die Dorfschönheit“, und der unglücklich in sie verliebte Schmied Wakula, „ein aufrichtiger, naiver Handwerker“, wie Loy die zwei Prototypen beschreibt. Wakula sei sich dabei seiner physischen und mentalen Stärke gar nicht bewusst. Denn es gelingt ihm, die goldenen Schuhe der Zarin zu beschaffen, die sich Oksana gewünscht hat. Dafür geht er einen Pakt mit dem Teufel ein, der mit ihm in die Hauptstadt fliegt. Oksana bereut am Ende ihr Verhalten und erkennt Wakulas Liebe, so dass der Heirat nichts mehr im Wege steht.

          Russische Kostüme und Fellmützen

          Die beiden Hauptfiguren seien in der Frankfurter Produktion mit der russischen Sopranistin Julia Muzychenko und dem Tenor Georgy Vasiliev, einem Landsmann der Sängerin, idealtypisch besetzt, so als seien die Darsteller nach Art eines „Film-Castings“ ausgewählt worden. In Loys Inszenierung wird Vasiliev beim Teufelsritt tatsächlich durch die Luft fliegen. Überhaupt ist die Produktion technisch aufwendig angelegt und soll mit prächtigen Kostümen samt Fellmützen viel russisch-weihnachtliche Atmosphäre verströmen, sehr geeignet für Familien mit Kindern, wie Loy und Weigle versichern. Manches erinnere auch an „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck. So habe Rimski-Korsakow desgleichen Volkslieder adaptiert. Es gebe ukrainische Volksweisen, aber auch orthodoxe Gesänge, dazu Tänze wie Polka, Polonaise und Csárdás.

          Zum Liebespaar gesellt sich reiches und buntes Personal mit beinahe einem Dutzend Solopartien. Dazu zählen Oksanas Vater, der reiche Gutsbesitzer Tschub, und Solocha, die Mutter von Wakula, von der sich alle Männer im Dorf angezogen fühlten und die das manipulativ zu nutzen wisse. „Ihr Hauptgeliebter ist Teufel“, sagt Loy. Der wiederum trete auf und beklage, dass die Menschen von Weihnachten sängen und doch gar nicht wüssten, was das bedeute. Auftritte haben außerdem die Sonnengottheiten Koljada und Owsen. Der damit verbundene „Tanz der Sterne“ verdeutliche den Gedanken vom beseelten Kosmos.

          „Rimski-Korsakow wollte Gegensätze zusammenbringen“, sagt Loy. Er setze mit seiner Oper „ein utopisches Zeichen für ein friedvolles Miteinander“. Wenn Wakula sich in seinem Schlussgesang frage, ob er das alles wirklich erlebt habe, so bringe das einerseits eine Desillusion nach Art Berthold Brechts mit sich. Zugleich seien diese Zeilen sehr rührend und ergreifend, zumal auch als Huldigung an die Kunst verstehbar, findet der Regisseur. Und Weigle pflichtet bei: Wenn der Chor das Lied zur Weihnacht anstimme, spende das ebenso „Trost in dieser Zeit“. Er empfiehlt: „Taschentücher nicht vergessen!“

          ■ Die Premiere in der Oper Frankfurt beginnt am Sonntag, 5. Dezember, um 18 Uhr. Wann und wie die weiteren Vorstellungen am 9. und 17. Dezember stattfinden können, ist noch unklar.

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