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Oper Frankfurt : In den Fängen des Fatums

Sex und Suff sollen in seiner Inszenierung nicht fehlen: Regisseur Dale Duesing Bild: Frank Röth

Dale Duesing inszeniert in der Oper Frankfurt Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“. Sex und Suff inklusive. An diesem Sonntag ist Premiere.

          Er kennt Offenbachs Phantastische Oper aus allen männlichen Perspektiven. Nur nicht aus dem Blickwinkel des Titelhelden. Der nämlich ist als Tenorpartie konzipiert, und Dale Duesing ist Bariton. Als solcher hat er schon die vier Bösewichte (Lindorf, Coppélius, Doktor Miracle und Dapertutto) gesungen, auch Schlemihl und sogar Niklaus, sonst eine Altstimme. Es gab nur eine Chance für ihn, dem männlichen Inbild romantischer Sehnsucht noch näher zu kommen. Opernintendant Bernd Loebe hat sie ihm gegeben: Also hat Dale Duesing „Hoffmanns Erzählungen“ nun inszeniert. An diesem Sonntag um 18 Uhr ist unter der musikalischen Leitung von Roland Böer im Frankfurter Opernhaus Premiere.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          E.T.A. Hoffmanns Werke kennt er fast noch besser. Jedenfalls scheint er so gut wie alles von dem Dichter gelesen zu haben. Nicht etwa nur die Texte, die dem Libretto von Jules Barbier und Michel Carré zugrunde liegen: den „Sandmann“ aus den „Nachtstücken“ (erster Akt), „Rat Crespel“ aus den „Serapionsbrüdern“ (zweiter Akt), die „Geschichte vom verlorenen Spiegelbilde“ aus den „Phantasiestücken in Callots Manier“ (dritter Akt) und „Klein Zaches“ (Rahmenhandlung). Nein, Duesing schwärmt auch vom „Goldenen Topf“, von den „Elixieren des Teufels“, von „Fräulein Scuderi“ und von „Don Juan“. „Ein interessanter Mann“, sagt er, „schon C.G. Jung und Sigmund Freud haben seine Intelligenz geschätzt.“

          Erfolgreiches Debüt 2004

          Was treibt einen amerikanischen Opernstar, der vor sechs Jahren in Frankfurt sein erfolgreiches Debüt als Regisseur gab, zu dem düstersten und bizarrsten aller deutschen Romantiker? Dale Duesing ist als Sohn eines deutschstämmigen Vaters in Milwaukee/Wisconsin geboren. Seine Großeltern kamen aus Bremen: Seine Muttersprache ist Englisch, seine Vatersprache Deutsch. Er spricht es perfekt. Vor allem aber mag er den Hang der Deutschen zu analytischem, vielschichtigem und tiefgründigem Denken. „Das liebe ich. Nichts ist hier oberflächlich. Immer habe ich mich zu Hause gefühlt, wenn ich nach Deutschland kam.“

          Sein Vater wollte, dass er nach Deutschland geht. So kam es, dass Duesing nach einem Studium der Geschichte, der evangelischen Theologie und der Musik 1967 sein Gesangsstudium als Fulbright-Stipendiat in München fortsetzte und als Tonio im „Bajazzo“ an der Hochschule für Musik abschloss. Ein Jahr später debütierte er in Münster als Germont in „La Traviata“. Danach ging er nach Bremen und schließlich an die großen Opern der Welt: die New Yorker Metropolitan, die Mailänder Scala, Covent Garden in London und das Thétre Royal de la Monnaie in Brüssel. In Frankfurt hat er Wozzeck gesungen und Beckmesser, Almaviva und Berios Prospero.

          Von Sängern begeistert

          Nach „Il viaggio a Reims“ und Brittens „Rape of Lucretia“ ist Offenbachs „Hoffmann“ seine dritte Frankfurter Inszenierung. „Ich liebe das Theater hier“, sagt er und meint die Arbeitsatmosphäre ebenso wie die Kollegen und Freunde: „Ich bin begeistert, wie gut meine Sänger alle mitmachen.“ Und nicht zu vergessen: das Publikum. „Das ist mehr als okay. Die Leute hier haben noch echtes Interesse an der Oper.“ Duesing erlebt Frankfurt als „offene Weltstadt“, egal ob in Bornheim-Mitte, wo er diesmal logiert, oder in Sachsenhausen und Rödelheim, wo er früher gewohnt hat. Loebe habe ihn aber in Brüssel entdeckt, als er dort seinen Regisseuren bei den Proben neue Ideen anbot.

          Ideen hat er auch jetzt die in Hülle und Fülle. Aber natürlich will er nicht alle verraten. Schon gar nicht, wen er gestrichen hat. Die Geister des Bieres und Weines im Vorspiel jedenfalls nicht. Doch Striche waren unumgänglich: „Sonst würde die Oper mehr als fünf Stunden dauern.“ Nun dauere sie mit Pause etwa drei Stunden. „Und Hoffmann wird immer präsent sein in dieser modernen Bar“, verrät der Regisseur dann doch über das Bühnenbild von Boris Kudlicka. Auf Sex und Suff wolle er nicht verzichten. Auch auf die Muse nicht. „Ich liebe das Liebesbekenntnis der Muse“, bekennt er selbst. Allerdings sieht er sie nicht als reine Intelligenz, sondern als handfesten Kumpel, der seinen Freund nicht im Stich lässt.

          Welt aus Liebe und Phantasie

          Niklaus also. Er nickt: „Die Muse ist das Romantische, aber die Schwarze Romantik ist bei mir immer dabei.“ Hoffmann habe zwar mit Witz und Leichtigkeit geschrieben, doch seine Texte seien dunkel grundiert. Und fatalistisch. „Er hat bezweifelt, dass der Mensch seine Entscheidungen selbständig treffen kann. Er hat an die Kraft des Unsichtbaren geglaubt, an Zufall und Prädestination.“ Duesing hat die zynische Seite des deutschen Dichters entdeckt und will sie auch dem Titelhelden des französischen Komponisten zumuten, der die Uraufführung seines Meisterwerks 1881 nicht mehr erlebt hat. Schließlich seien Spott und Zynismus auch Offenbach nicht fremd gewesen.

          Hoffmann (Alfred Kim) sehnt sich vergeblich nach Liebe. Nach seiner Jugendliebe zur Puppe Olympia (Brenda Rae) und der echten Liebe zur kranken Antonia (Elza van den Heever) bleibt ihm nur noch der Sex mit der Kurtisane Giulietta (Claudia Mahnke). Dabei folge er seiner projektiven Phantasie, resümiert Duesing. Plötzlich fällt ihm ein, wie er als Vierjähriger einen Bauern auf dem Traktor am Straßenrand sah. „Ich habe dieses Gesicht nie vergessen und erinnere mich heute nach 61 Jahren immer noch daran, denn ich habe es damals zu einer Geschichte ausphantasiert. So etwas macht auch Hoffmann, und manchmal werden solche Geschichten wahr. In uns allen steckt diese Welt aus Liebe und Phantasie.“

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