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Opernsänger Dietrich Volle : Wie die Musik zum Hörer kommt

Auftrittsbereit: Dietrich Volle mit akkubetriebener Aktivbox im Garten seines Hauses in Frankfurt Bild: Frank Röth

Nach 14 Jahren an der Oper geht Dietrich Volle in den Ruhestand. Derzeit muntert der Bariton sein Publikum an ungewohnten Orten auf.

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          Konzerte in Altenheimen will Dietrich Volle weiterhin geben. Unabhängig davon, wie es mit der Öffnung der Einrichtungen weitergeht. Denn er möchte „etwas zurückgeben“, wie er sagt, von der Unterstützung, die er als langjähriges Ensemblemitglied der Oper Frankfurt erhalten habe. Schließlich sei er durch Kurzarbeit auch ohne Bühnenauftritte existenziell abgesichert gewesen. „Früher sind Sie in die Oper gekommen, jetzt kommt die Oper zu Ihnen“, pflegt er zur Begrüßung den Zuhörern zu sagen, wenn er mit seinem akkubetriebenen und auf Rollen beweglichen Aktiv-Lautsprecher in den Höfen der Heime steht, um zu Orchesterarrangements zu singen, die er vom Smartphone abruft und mit Bluetooth auf die Box überträgt.

          Guido Holze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es seien populäre Programme, berichtet er, mit Arien von Rossini, Mozart und Verdi. Und doch sei es vor 20 bis 40 Zuhörern, die in Zeiten der völligen Isolation von den Fenstern ihrer Zimmer aus gelauscht hätten, „nicht gerade euphorisch“ zugegangen, schmunzelt Volle. Aber die Musik wirke sicher im Verborgenen: „Und mir tut dieses kreativ-karitative Engagement gut.“ Seit Dezember ist er aus eigener Initiative unentgeltlich in mehr als einem Dutzend Altenheimen in Frankfurt und Umgebung aufgetreten. Anspruchsvollere Programme habe er zudem vor Freunden und Nachbarn im heimischen Garten des Hauses seiner Familie in Eschersheim gestaltet, auch um die stimmliche Fitness unter dem Anreiz des Auftritts zu erhalten.

          Vom Ingenieur zum Opernsänger

          An der Oper Frankfurt hat Dietrich Volle seine Abschiedsvorstellung als Ensemblemitglied indes wohl schon gegeben – ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein. Zum Ende der laufenden Saison geht er in den Ruhestand. Ein Auftritt in Gian Carlo Menottis zu Spielzeitbeginn im Herbst noch vor Publikum angelaufenen Kurzoper „The Medium“ dürfte daher sein letzter vor der Pensionierung gewesen sein. Nach 14 Jahren als Solist im Ensemble. Alle Ersatz-Produktionen, in denen er mitwirken sollte und für die er seine Partien zum Teil schon studiert hatte, seien nach und nach abgesagt worden, sagt er. Volle nimmt das in seiner sympathisch positiv wirkenden Art gelassen bis heiter.

          Dass er als „Quereinsteiger“ zum Operngesang gekommen und seine Biographie „nicht pfeilgerade“ verlaufen ist, wie er selbst sagt, mag seinen Blick auf das Leben vorteilhaft geweitet haben. Geboren wurde er 1955 in Freudenstadt im Schwarzwald, er bekam schon früh Musikunterricht. Sein Vater, der Pfarrer war, habe alle acht Kinder angehalten, ein Instrument zu lernen. Da es in der dörflichen Umgebung außer dem Schützenverein nicht viel gegeben habe, sei das eine schöne Möglichkeit zur Freizeitgestaltung gewesen. So begann Volle, Querflöte zu spielen und zu singen. Nachdem er „in der Schule etwas den Anschluss verloren“ hatte, kam er auf ein Internat mit Musik-Schwerpunkt. Ein reguläres Studium an einer Musikhochschule hat Volle, anders als der allergrößte Teil seiner Bühnenkollegen, hingegen nie absolviert.

          Die Stimme liegt in der Familie

          Er wurde vielmehr Ingenieur für Druckerei-Technik. Warum gab er diesen sicheren Beruf auf? „Der Job als Ingenieur hat mich nicht interessiert“, sagt er lächelnd und fügt hinzu: „Die Stimme liegt etwas in unserer Familie.“ Tatsächlich ergriffen letztlich sieben der acht Pfarrerskinder Theaterberufe, die Brüder Hartmut und Michael Volle avancierten als Schauspieler respektive Opernsänger zu Stars. Dietrich Volle unterdessen nahm sein erstes festes Engagement 1985 als Chormitglied am Theater Aachen an. „Diese Welt hat mich schnell in Beschlag genommen“, umschreibt er den Gedanken der Berufung.

          Auch an der Oper Frankfurt war er zunächst von 1990 an zwei Jahre lang als Mitglied des Chores engagiert und damit in einer festen Position, die mehr Sicherheit bietet als die der Solisten, die üblicherweise nur Verträge erhalten, die zeitlich auf zwei bis drei Jahre begrenzt sind. Volle ging das höhere Risiko ein und war von 1992 bis 1996 als Bariton mit Solovertrag zunächst am Staatstheater Wiesbaden engagiert. Über weitere Stationen kam er 2007 als Ensemblemitglied nach Frankfurt zurück, wo er nach 14 Spielzeiten ohne Unterbrechung am selben Haus kurioserweise erst am Ende seiner Solistenlaufbahn in eine unkündbare Position kam.

          Wozzeck und gebrochene Figuren

          Als eine der anspruchsvollsten und wichtigsten Rollen seines Repertoires sieht er rückblickend die Titelpartie in Alban Bergs „Wozzeck“, die er an verschiedenen Häusern gestaltete, so schon 1996 in Darmstadt unter der Regie des im vergangenen Dezember gestorbenen Operndirektors Friedrich Meyer-Oertel. Aus seiner Frankfurter Zeit hebt Volle die Zusammenarbeit mit erfahrenen Regisseuren wie Christof Loy, Keith Warner und Claus Guth hervor, aus jüngster Zeit die Partie des Doktor Vigelius, „eine gebrochene Figur“ aus Franz Schrekers Oper „Der ferne Klang“, die 2019 in der Regie von Damiano Michieletto neu herauskam.

          Auf der Opernbühne sehe er sich gleichermaßen als Darsteller wie als Sänger, sagt Volle: „Es ödet mich an, nur eine schöne Stimme zu zeigen.“ Während er im Oratorienfach ebenfalls recht aktiv gewesen sei, habe er „zum Lied erst in den vergangenen zwei Jahren Mut gefasst“. Stimmlich lägen ihm dabei Mahler und Strauss näher als Schubert, gesteht er: „Die Winterreise würde ich nicht singen – oder vielleicht als letztes Konzert.“ Vorerst wolle er nun als „Gelegenheitssänger“ sein Glück suchen, in Kirchen oder zu festlichen Anlässen, „wo ich mit meinem Köfferchen zum Orchesterklang singen kann“. Auch unterrichten will Volle weiterhin. In seiner im Juli unter dem Label „Oper Frankfurt zuhause“ auf Youtube erschienenen dreiteiligen Video-Kursreihe gibt er jedermann Einblicke in die „Grundlagen des Singens“.

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