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Open-Air-Kino : Warte, bis es dunkel ist

Open-Air-Kino als Passion: Gudrun Winter, Leiterin des Kurzfilmfestivals „Shorts at Moonlight” Bild: Frank Röth

Sommer ist eine Frage der passenden Bekleidung: Filme unterm Sternenhimmel, an besonderen Orten und mit originellem Begleitprogramm sind ein besonderes Sommervergnügen - selbst bei kaltem Wetter.

          3 Min.

          Sag mir, was du willst, es wird in Erfüllung geh’n.“ Es gibt vermutlich nicht viele Kinoleiter, die sich vor ihrem Publikum aufbauen und mit ihm zusammen selbstgedichtete Lieder singen. Für Dennis Di Rienzo sind die 14 Tage Freilichtkino „das Tollste im ganzen Jahr“. In Bad Vilbel gibt es das seit 16 Jahren – dann zieht Di Rienzo, der das städtische Kino in der Alten Mühle leitet, mit vielen Helfern abends ins Freibad um und zeigt Filme. Davor singt er das mit seinem Bruder René komponierte Lied – früher jedes Jahr ein anderes, seit 2002 das „Kinolied“, das es sogar als Handy-Klingelton zum Herunterladen gibt.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Keine Gewinne mit Open-Air-Kino

          „Sag mir, was du willst“: Selbst wenn es nicht gerade ein Wunschfilm-Programm gibt, hat Open-Air-Kino immer etwas von Ferien einen Abend lang. Man kommt nicht allein, sondern zu zweit oder in Gruppen, weit vor Einbruch der Dunkelheit. Man trinkt ein Glas, holt sich etwas zu essen und plaudert, während man darauf wartet, dass es dunkel wird. Bestenfalls unterm Sternhimmel, in Liegestühlen, auf Decken oder im Schlafsack hat das Filmesehen einen besonderen Reiz – auch für Leute, die sonst eher selten ins Kino gehen.

          Und nicht wenige der Freiluft-Kinos geben sich besondere Mühe mit ihrem Angebot. Das liegt nicht nur daran, dass der Verkauf von Speisen und Getränken mehr noch als im regulären Kinobetrieb die einigermaßen schwarzen Zahlen sichert: „Mit Open-Air-Kino kann man keinen Gewinn machen“, sagen alle, die sich je daran versucht haben. Aber nicht nur die Besucher scheinen doch eine Menge Spaß dabei zu haben. Selbst wenn, wie 2007, das Wetter so schlecht war, dass die Kinobetreiber von einer „Katastrophe“ sprechen und vom „endgültigen Beweis, dass man in Deutschland eigentlich kein Open-Air-Kino veranstalten kann“.

          Mehr als Filme gucken: Zum Kinoerlebnis gibt es Live-Jazz und Spundekäs

          Dennoch gibt es trotzdem allein im Rhein-Main-Gebiet ein Dutzend Freilichtkinos – in den vergangenen Jahren hat das Angebot sogar zugenommen. Und es geht weit über das Filmezeigen hinaus: Beim Kurzfilmfestival „Shorts at Moonlight“, das ein Verein veranstaltet, gibt es Live-Jazz, es leuchten kleine Laternen auf den Gartentischchen, die Vereinsmitglieder verkaufen hausgemachten Spundekäs’, es gibt warme Decken gegen Pfand und kostenlose Capes bei Regen. Im „Orfeos Mond und Sterne“ im Frankfurter Brentanobad gibt es passendes Essen oder Getränke zu den Filmen, und in Bad Vilbel wird eben, unter anderem, gesungen.

          Das Motto „Wir spielen bei – fast – jedem Wetter“ ist dort besonders ernst gemeint: In 16 Jahren musste nur eine einzige Vorstellung abgebrochen werden. In Frankfurt ist man pragmatischer: Von 19 Uhr an gebe eine Hotline Auskunft darüber, ob der Projektor aufgebaut werde oder nicht, erklärt Antje Witte, die das Kino Orfeos Erben leitet. Seit 2006 betreibt sie das Open Air im Brentanobad, wo schon seit den achtziger Jahren Sommerkino stattfindet. Wer im Freien zusehen wolle, so Wittes Erfahrung, komme nicht nur wegen des Films, sondern wegen der Atmosphäre und des Gruppenerlebnisses.

          „Das ist mehr so ein Happening“, sagt auch Ronald Meynen vom Verein „Bilderwerfer“, der seit elf Jahren bei freiem Eintritt das Wiesbadener Open-Air-Kino betreibt, das mit Unterstützung des Kulturamts in den Reisinger Anlagen Filme zeigt. Entstanden ist das vor 20 Jahren, um Jugendlichen, die nicht in die Ferien fahren konnten, ein Programm anzubieten. Doch wie überall ist auch in Wiesbaden das Publikum bunt gemischt.

          Open-Air-Kino als Selbstausbeutung

          „Echtes Open-Air-Kino kann man nur leben, wenn die Leute, die das machen, es lieben“, erklärt Di Rienzo. Ohne die Unterstützung der Gemeinden und vieler Sponsoren allerdings sähe das Angebot weitaus dürftiger aus. Was an Aufwand dahintersteckt, ist für die Zuschauer kaum zu durchschauen. Mehrere zehntausend Euro kostet die Anschaffung einer transportablen, meist aufblasbaren Leinwand, der Projektoren, Licht- und Tonanlagen. Auch wer die Gerätschaften leiht, zahlt dafür eine ordentliche Summe. Die Filme – nicht alle, schon gar nicht die allerneuesten, dürfen draußen gezeigt werden – kosten eine Verleihgebühr, die sich nach der erwarteten Zuschauerzahl berechnet – bis zu 50 Prozent der Einnahmen können das sein. An Tagen, an denen es regnet oder kalt ist, schlägt das besonders deutlich zu Buche.

          „Selbstausbeutung“ nennt Erwin Heberling vom Hessischen Film- und Kinobüro die Haltung vieler Kinomacher. Mit dem „Kinosommer Hessen“ schließt sein Büro seit sieben Jahren eine Lücke vor allem in den kleinen Städten und Gemeinden, wo Open-Air-Kino sonst nicht finanzierbar wäre: Zusammen mit ihren lokalen Kinobetreibern bewerben sich die Gemeinden beim Kinosommer, das Büro hat selbst Leinwände und hilft bei der Beschaffung der Technik zu günstigen Leihgebühren, außerdem werden Programme und Werbung organisiert.

          Das Gemeinschaftserlebnis zählt

          Bis Mitte September gibt es in 50 Gemeinden den Kinosommer, die Nachfrage steigt: „Wir stoßen an unsere Grenzen“, so Heberling. Es entstehe genau der Effekt, den das Kinobüro, mit nur 20 000 Euro Landesmitteln der Hessischen Filmförderung, beabsichtigte: Zum Open-Air-Kino kommen viele, auch ältere Besucher, die sonst nicht ins Kino gingen. Auch, weil es in kleineren Orten oft gar keines mehr gibt. Dass ihnen das Kino als Kulturangebot und Gemeinschaftserlebnis fehlt, wird manchen Zuschauern erst durch einen solchen Freiluft-Abend wieder bewusst.

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