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Opelvillen Rüsselsheim : Langsam verschwindende Welten

Kunst im Praxistest: die Opelvillen in Rüsselsheim. Bild: Michael Kretzer

Aus Geldmangel ist aus „Kunst zur Arbeit“ in den Opelvillen Rüsselsheim nicht das geworden, was hätte sein können. Gerade darum lohnt sich ein Besuch.

          2 Min.

          Etwas fehlt. Man spürt es gleich beim ersten Rundgang durch die Rüsselsheimer Opelvillen, doch erst vor der „interaktiven Skulptur“ mit dem hübschen Namen „Seesaw“ vom Künstlerduo „Empfangshalle“ versteht man, worum es sich handelt. Denn Interaktivität, Ausstellungskontext und Feldforschung im öffentlichen Raum, die für das Werk einiger zur neuen Schau der Opelvillen eingeladenen Künstler charakteristisch sind, hätten die Ausstellung spielend tragen können. Allein, man hat auf sie weitgehend verzichtet, weil man das Geld nicht hatte.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Stattdessen bei „Kunst zur Arbeit“ zu sehen: „Seesaw“, eine neckische Wippe als Bild für den Grundgedanken der Kooperation, der – um ein großes Wort zu bemühen – sozialen Plastik im Namen der Kunst. Muss man das verstehen? Vermutlich eher nicht. Dass es der gerade erst zur „Stiftung des Monats“ gekürten Stiftung Opelvillen nicht gelungen ist, die Mittel einzuwerben, um diese zur rechten Zeit kommende Schau am Industriestandort Rüsselsheim kontextuell zu verankern, ist bitter: für den Kulturstandort wie für die Opelvillen, für die Künstler wie für den Betrachter.

          Kunst im Praxistest

          Projekte wie „The City of Cool“ der „Reinigungsgesellschaft“, die an anderen Orten stattgefunden haben, werden nun dargestellt anstatt am Ausstellungsort in Gang gesetzt. Da ist es kaum mehr als ein schwacher Trost, dass es mit Hilfe des Freundeskreises der Stiftung Opelvillen gelungen ist, Corbinian Böhm und Michael Gruber von „Empfangshalle“ zur Entwicklung einer Projektskizze nach Rüsselsheim einzuladen. Dass die Ausstellung mithin eigentlich gescheitert ist, ist bedauerlich. Trotzdem lohnt sich der Weg in die Opelstadt am Main, und sei es nur, weil die Dokumentation der Projekte von „Reinigungsgesellschaft“, „Empfangshalle“ und Antje Schiffers in Hannover, München und Leipzig eindringlich vorführt, was in Rüsselsheim hätte werden können.

          Wenn sich Schiffers als „Werkskünstlerin“ dafür engagiert, Messestände in Öl auf Leinwand festzuhalten oder Kantine, Werkstatt und Labor nach den Wünschen der Arbeiter künstlerisch zu gestalten, wenn Martin Keil und Henrik May als „Reinigungsgesellschaft“ in einem einstigen Leipziger Arbeiterstadtteil die Helmholtzstraße mit niegelnagelneuen Schildern in „Straße der Selbstverwirklichung“ umbenennen, eine Straße als „Verlustzone“ ausweisen oder die „Allee der Gemeinnützigkeit“ die „Straße der Kapitalflucht“ kreuzen lassen, dann ist es die Reaktion der Arbeiter und neuen Kollegen, der ratlosen Passanten und Anwohner, die aus dieser Versuchsanordnung ein so komisches wie verblüffend leicht aufgehendes Experiment im öffentlichen Raum macht: die Kunst im Praxistest. Großartig auch das Projekt von „Reinigungsgesellschaft“, die in München die Fahrer von Müllwagen nach ihrem Begriff von Heimat befragten, um sie anschließend mit ihrem zum Wohnmobil umgebauten Fahrzeug genau dorthin zu schicken.

          „People. Motors. Opel“

          Und dann gelingt „Kunst zur Arbeit“ doch noch eine Überraschung. Mit den Fotografen Tuomo Manninen und Ramune Pigagaite sind es ausgerechnet jene Künstler, deren Werk auf den ersten Blick am wenigsten auf Interaktivität angelegt ist, die mit ihren Porträts doch noch die Anbindung der Ausstellung an ihren örtlichen und zeitlichen Kontext vollziehen und den aktuellen Anlass der Schau konkret und berührend spürbar werden lassen. Manninen hat seinen Porträtzyklus von Gepäckträgern in Paris oder Krankenschwestern in Havanna zwar nur um ein Gruppenbild von Opelarbeitern in Bochum erweitert, Pigagaite jedoch hat die Rüsselsheimer Ausstellung zum Anlass für eine gänzlich neue Serie genommen.

          „People. Motors. Opel“, das sind zunächst einmal Einzelporträts vor neutralem Hintergrund, die so typisch wie individuell sind, so alltäglich wie inszeniert, so zeitlos wie zugleich das Vergehen der Zeit ins Bild setzend. „Opelaner“, das war einmal etwas in Rüsselsheim. Jetzt blickt man auf den „Vormonteur“, den „Betriebsrat“ oder den „Leiter Trainingskoordination“ und sieht: die Autokrise. Abwrackprämie und Standortdiskussion. Den Stolz, die Familie und das Reihenhäuschen, Angst und Trotz und Mut, Zuversicht und Hilflosigkeit. Ein Bild der Zeit. Und ein Modell, eine Kultur und eine Epoche, kurz: ein Begriff von Arbeit, wie er sich seinem Ende zuneigt. Und ganz langsam verschwindet.

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