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Onleihe Verbund Hessen : Bücher rund um die Uhr

  • -Aktualisiert am

Szene aus einem Werbefilm zum Jubiläum: Mit der hessischen Onleihe müssen auch Astronauten nicht mehr selbst zur Bibliothek. Bild: Youtube/OnleiheVerbundHessen, Screenshot F.A.Z.

Der Onleihe Verbund Hessen kann am Tag der Bibliotheken sein zehnjähriges Bestehen feiern. Auch heute wächst er weiter – allerdings mit Hindernissen.

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          Eine Bibliothek, die immer geöffnet hat: Das ist die Idee der „Onleihe“. Sie ist das digitale Medienportal deutschsprachiger Bibliotheken und wird von divibib bereitgestellt. Über die Plattform können sich Nutzer unter anderem E-Books und Hörbücher ausleihen, die ihre Bücherei zuvor angeschafft hat. In Hessen ist das nun seit zehn Jahren im Verbund möglich. Zunächst 17 Bibliotheken schlossen sich zusammen, um eine größere Auswahl an Medien anbieten zu können. Im Onleihe Verbund Hessen stecken alle Mitgliedsbibliotheken ihre digitalen Titel in einen Pool. Wer also in Hofgeismar ein E-Book in der Onleihe-App liest, hat vielleicht ein Exemplar ausgeliehen, das einer Bücherei in Pfungstadt gehört.

          Seit dem Tag der Bibliotheken 2010, dem 24. Oktober, sind der Onleihe Verbund Hessen und sein Angebot stetig gewachsen. 140 Bibliotheken bieten heute 250.000 Medien. Allein in diesem Jahr rechnet der Onleihe Verbund Hessen mit 3,6 Millionen Ausleihvorgängen – 24 Prozent mehr als im Vorjahr.

          Die 10 Jahre währende Zusammenarbeit sollte eigentlich in Hanau gefeiert werden, da die dortige Bibliothek zugleich 175 Jahre alt wird. Stattdessen wurde eine Jubiläums-Homepage freigeschaltet: Videos mit Kinderbuchlesung und Festmusik, Grußworte von Partnern und Lesern, ein Gewinnspiel, das mit iPads lockt. Außerdem haben Studierende der Hochschule Rhein-Main einen Werbefilm für die Plattform gedreht. Darin lernt ein Astronaut die Onleihe-App kennen, so dass er seinen schweren Bücherkoffer auf der Erde zurücklassen kann.

          Förderung war im hessischen Koalitionsvertrag festgehalten

          Am heutigen Tag der Bibliotheken kommen außerdem vier weitere Büchereien zur Onleihe dazu. „Wir sind sehr froh, dass wir so viele Bibliotheken erreichen können, und hoffen eine flächendeckende Nutzung in Hessen zu erreichen“, sagt Eckhard Kummrow von der in Wiesbaden ansässigen Hessischen Fachstelle für Öffentliche Bibliotheken, der den Verbund moderiert. Er sieht das Wachstum als großen Erfolg. „Deutschlandweit hat der hessische Verbund den größten Etat und die höchste Anzahl an Medien und Ausleihen“, sagt er. Das mache ihn auch für die Politik zur relevanten Größe. Sogar im hessischen Koalitionsvertrag war die Förderung des Verbunds festgehalten, das sei einzigartig in Deutschland.

          Das Wachstum geschah jedoch nicht ohne Hindernisse: So große Verbünde wie der hessische waren anfangs gar nicht geplant, und auch Großstädte sollten aus Sicht der Verlage nicht eintreten. Zu groß war die Befürchtung, dass die einzelnen Bibliotheken dann weniger Lizenzen kaufen. „Im Laufe der Zeit konnten wir das widerlegen“, so Kummrow. Jedes Verbundmitglied muss einen bestimmten Teil seines Medienetats in die digitalen Titel stecken. „Als zahlungskräftiger Verbund konnten wir versprechen, von jedem Titel ein Exemplar je Bibliothek zu kaufen.“ Dadurch konnten zwei Meilensteine erreicht werden: die Aufnahme der Stadtbibliothek Wiesbaden und der Stadtbücherei Frankfurt.

          „Windowing“-Praxis vieler Verlage ist ein Problem

          „Aber gerade verschlechtern sich die Bedingungen massiv“, sagt Kummrow. Das liege an der unübersichtlichen Preisgestaltung der Verlage für E-Books, die zwei Drittel der Ausleihen ausmachen. Statt die E-Books wie physische Bücher zum Ladenpreis zu kaufen und dann je Ausleihe eine Bibliothekstantieme aus Bund- und Landesmitteln zu zahlen, müssten Bibliotheken teilweise den 1,75-fachen Ladenpreis berappen. „Noch schlimmer finde ich es, wenn die Nutzungszeit auf 12 Monate begrenzt wird. Das ist ja, als müssten wir den Komplettbestand einer Bibliothek einmal im Jahr neu kaufen.“ Ein weiteres Problem sei die „Windowing“-Praxis vieler Verlage. „Windowing“ bedeutet, dass aktuelle Titel erst nach einer längeren Zeit, teilweise erst ein Jahr nach der Veröffentlichung für Privatkunden, als E-Book für die Bibliotheken zu kaufen sind. Deshalb waren etwa in der Kalenderwoche 42 nur sechs von 20 Titeln der „Spiegel“-Bestsellerliste Belletristik in der Onleihe verfügbar.

          Aus diesen Gründen fordert der Deutsche Bibliotheksverband in seiner Kampagne „#BuchistBuch“ die Ausweitung der Tantieme auf das digitale Geschäft und Zugang zu allen Medien, die auch an Privatkunden verkauft werden. Kummrow hält das für sinnvoll: „Die Forderung beruht auch auf unserem Informationsauftrag. Wenn die Büchereibenutzer von Informationen ausgeschlossen werden, wie soll dann eine demokratische Diskussion stattfinden? Das gilt besonders, falls es dazu kommt, dass Verlage zahlreiche Titel nur noch digital publizieren. Die Beteiligten sollen natürlich von ihrem kreativen Prozess leben können. Aber es muss für Bibliotheken bezahlbar sein. Und man darf nicht vergessen: Bibliothekenetats sind ein sicherer Umsatz.“

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          Die Onleihe wächst unterdessen weiter – auch in die Breite. Denn am heutigen Jubiläumstag beginnen zwei neue Angebote: Das „eLearning“ bietet digitale Lernkurse zur privaten und beruflichen Aus- und Fortbildung. Mit „eKidz“ können Kinder am mobilen Endgerät Lesen üben. Wer Hilfe braucht, zum Beispiel bei der Einrichtung des eigenen E-Book-Readers, kann sich in den Mitgliedsbibliotheken melden. Während der Jubiläumswoche gibt es auch eine telefonische Beratung. Allen digitalen Medienformaten ist schließlich gemein: Man muss mit ihnen umgehen können. „Die Bibliothek ist ein Pathfinder im Dschungel der digitalen Angebote“, sagt Kummrow.

          Die Jubiläumsaktionen finden sich auf der Internetseite jubilaeum.onleiheverbundhessen.de

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