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Onkologe Stephan Sahm : Der Arzt mit der Gitarre

Große Leidenschaft: Die Gitarre spielt Stephan Sahm schon seit langem. Bild: privat

Nicht ohne Töne: Der Offenbacher Stephan Sahm ist Onkologe, meinungsfreudiger Medizinethiker - und passionierter Musiker. Das eine bedinge das andere, sagt er.

          6 Min.

          Er müsse sich oft bremsen, um nicht pfeifend über den Flur oder die Treppe hinunter zu laufen. Vielleicht sollte Stephan Sahm das mal machen – die meisten seiner Patienten dürften ohnehin wissen, dass der Herr Professor im weißen Kittel, in dem, ein berufstypisches Klischee, ein Stethoskop steckt, noch eine zweite Leidenschaft hat. Sahm betreut auf seiner Station im Offenbacher Ketteler Krankenhaus als Chefarzt Menschen, deren Leben durch Krebs an Magen und Darm begrenzt ist, sehr viele davon als Palliativpatienten. Er hat jeden Tag mit der Endlichkeit menschlichen Lebens zu tun – und auch mit der Begrenztheit dessen, was Ärzte leisten können.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Das hat den Mediziner, im Januar ist er 64 geworden, früh geprägt, auch durch Erfahrungen als junger Arzt in der Kinderonkologie. Näher als der Tod sehr junger Patienten kann einem der Beruf kaum gehen. Aber gerade dort gibt es auch immer wieder Heilerfolge, die beinahe wie Wunder aussehen. Für das, was da so eng nebeneinander liegt in seinem Arztberuf, hat Sahm einerseits seine Profession als Medizinethiker, der sich als Gastautor und Diskutant pointiert äußert. „Manchen bin ich auch zu meinungsfreudig“, sagt er. Auch in der Pandemie hat er sich zu Wort gemeldet, etwa in der Diskussion um ein Triage-Gesetz.

          Stütze des Offenbacher Kulturlebens

          Wenn die Gesellschaft wolle, dass sich jemand mit der Ethik in der Medizin befasse, müsse auch etwas gesagt werden. Als „Moderator“ medizinisch-gesellschaftlicher Debatten sieht Sahm sich jedenfalls nicht. Was ihn, vor Jahrzehnten schon, auch zum Schreiben bewegt hat. Zum Ausgleich für diese Fragen auf Leben und Tod hat Sahm die Musik. Schon immer. Weshalb in seinem Lebenslauf Arzt, Medizinethiker, Musiker und Komponist gleichberechtigt nebeneinander stehen. Musizierende Mediziner gibt es viele, Sahm allerdings nimmt die Sache bei aller Lust am Pfeifen und Singen ausgesprochen ernst.

          Er hat eine Kirchenmusiker-Ausbildung mit dem sogenannten C-Schein, im Studium verdiente er sich etwas dazu mit Orgeleinsätzen bei Hochzeitsfeiern und der Leitung von Kinderchören. Wobei, sagt der Katholik Sahm grinsend, die evangelischen Gemeinden immer besser gezahlt hätten. Als Gitarrist und Sänger hat er früh in der katholischen Kirchenmusik Fuß gefasst, mit einer Band namens Prophet und den neuen geistlichen Liedern, die vor allem in den siebziger und achtziger Jahren eine ganze Kirchenbewegung prägten.

          Zumindest dem Namen nach daraus hervorgegangen ist eine Stütze des Offenbacher Kulturlebens, das Vokalensemble Prophet, dessen Vereinsvorsitzender er ist. Das Komponieren von Kirchenliedern, Singspielen und Oratorien hat er nie aufgegeben. Es mache Spaß, wie das Schreiben von Büchern, Aufsätzen und Gastbeiträgen für die F.A.Z. auch.

          Trost: Ohne Musik kann Stephan Sahm sich die Medizin nur schwer vorstellen.
          Trost: Ohne Musik kann Stephan Sahm sich die Medizin nur schwer vorstellen. : Bild: Marcus Kaufhold

          Andere spielten Golf, sagt Sahm lächelnd. Nicht, dass er das ablehnen würde – er will damit nur sagen: Auch ein fordernder Beruf biete noch Freizeit. Und in der komponiert Sahm eben. Spielt Gitarre und Orgel und singt mit dem Vokalensemble, das mit dem Kulturpreis der Stadt Offenbach ausgezeichnet worden ist und im vergangenen Jahr, gefördert unter anderem vom Kulturfonds Frankfurt/Rhein-Main, ein großes, coronabedingt nachträgliches, Konzert zum Beethoven-Jahr stemmen konnte.

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