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Olga Tokarczuk : Endlich einmal Good Girl sein

Gerade ausgezeichnet: Olga Tokarczuk auf der Buchmesse Bild: EPA

Olga Tokarczuk ist als frisch gebackene Nobelpreisträgerin sehr gefragt. Für die Frankfurter Buchmesse unterbricht die Autorin ihre Lesereise. Und spricht vor allem über ihre Heimat Polen.

          2 Min.

          Die Frage, ob es Bielefeld wirklich gibt, ist zu einem beliebten Gesellschaftsspiel geworden. Jetzt hat die Stadt eine prominente Fürsprecherin gewonnen. Olga Tokarczuk berichtet auf der Buchmesse, sie habe vom Nobelpreis im Auto auf der Fahrt Richtung Bielefeld erfahren. Die Stadt muss also existieren. Zumal die polnische Schriftstellerin weitere Beweise anführt. Nachdem sie mitten im deutschen Nirgendwo geparkt und von ihrer Auszeichnung erfahren habe, sei sie in Bielefeld von vielen Lesern und vom Bürgermeister begrüßt worden: „Mit goldener Amtskette.“ Der Empfang war herzlich. „Ich hatte den Eindruck, unter Freunden zu sein“, sagt Tokarczuk, die ihre Lesereise für einen Abstecher an den Main kurz unterbrochen hat.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Am Montag hat sie in Düsseldorf gelesen, am Dienstagabend muss sie trotz ihres Frankfurter Vormittagstermins pünktlich in Stuttgart sein. Zur Eröffnung der Buchmesse aber nimmt sie sich trotzdem etwas Zeit für einen Bericht darüber, wie es ist, von Nobelpreisen auf der Fahrt zum nächsten Termin zu erfahren: „Ich war nicht entsprechend angezogen und weitgehend fassungslos.“

          Kulturkrieg in Polen?

          Zu Hause in Polen ist Tokarczuk als Kritikerin der kürzlich in den Parlamentswahlen gestärkten konservativen Regierung bekannt. Vielleicht auch deswegen verbindet sie ihre Deutschlandfahrt mit Erinnerungen an die polnische Historie. Die Bielefelder Begrüßung habe ihr ins Gedächtnis gerufen, wie nach der Niederwerfung des polnischen Aufstands von 1831 die Besiegten langsam durch diverse deutsche Staaten nach Westen ins Exil wanderten. Ihr sei eingefallen, wie herzlich die von den Deutschen zuvor als Kämpfer für die Freiheit gefeierten Polen seinerzeit empfangen und auf dem Weg begleitet worden seien. Hier habe Essen an der Straße gestanden, dort sei den Flüchtlingen ein Nachtlager angeboten worden: „Und ich dachte mir – was für ein Glück, dass so ein Empfang nicht nur besiegten Helden, sondern auch Schriftstellern zuteil wird.“

          Für Gegner daheim ist eine solche Erzählung die freche Vereinnahmung des nationalen Dramas von einst. Tokarczuk knüpft lieber ungewohnte Beziehungen: „Aufgabe des Schriftstellers ist das Verbindende zwischen den Menschen. Romane sind für mich die raffinierteste zwischenmenschliche Kommunikationsform.“ In Polen hingegen herrsche inzwischen Kulturkrieg. Die Rechte habe ganz bestimmte Vorstellungen davon, wie polnische Kultur auszusehen habe: „Mich beunruhigen vor allem Versuche, Kontrolle über Museen und Theater zu gewinnen.“ Autoren hätten es bisher leichter: „Aber ich stelle mit einer gewissen Angst fest, dass unter ihnen die Selbstzensur um sich greift.“

          Von der deutschen Debatte um den Nobelpreis für Peter Handke hält sie sich vorsichtig fern. Sie komme derzeit kaum zum Zeitunglesen. Zum Schluss antwortet die Regierungskritikerin dann aber doch noch auf eine Frage zum Kollegen – es ist auch eine zu ihr. Handke werde dieser Tage oft als der Böse gezeichnet, sie als die Gute: Bad Boy und Good Girl. Was halte sie davon? Sie fühle sich zur Abwechslung gar nicht schlecht als Good Girl, antwortet sie: „Ich bin es eher gewohnt, das Bad Girl zu sein. Dass es jetzt anders ist, genieße ich.“

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