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: Ohne Beute keine Aussicht auf eine Frau:"Naga - Kopfjäger im Schatten des Himalaya" / Ausstellung im Museum der Weltkulturen

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Bei den Naga gibt es bis heute keine Überbevölkerung: Jedes Kind kostete stets einen anderen Menschen den Kopf, der bisweilen mit einer prachtvollen Halte-Locke wie mit einem Henkel geziert war. Nur wer einen Kopf mit nach Hause brachte, hatte Aussicht auf eine Frau.

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          Bei den Naga gibt es bis heute keine Überbevölkerung: Jedes Kind kostete stets einen anderen Menschen den Kopf, der bisweilen mit einer prachtvollen Halte-Locke wie mit einem Henkel geziert war. Nur wer einen Kopf mit nach Hause brachte, hatte Aussicht auf eine Frau. Denn der Kopf des Menschen speichert nach dem Glauben der Naga die Fruchtbarkeit, die sonst nur für das eigene Leben ausreichen würde, nicht aber, um Leben weiterzugeben. Deshalb waren die Völker in den Bergen Nordostindiens und des Oberen Myanmar Kopfjäger, bis die indische Regierung die Kopfjagd 1947 verbot. Dabei kultivierten die Naga sogar eine "Ethik": Sie fragten den überlisteten Feind erst nach seinem Namen, bevor sie ihn köpften, um diesen an ihre eigenen Kinder weitergeben zu können. Und an die Kopfjagd schloß sich eine Tabu-Phase mit Reinigungsritualen an.

          Mehr als 60 Jahre ist es her, daß der Ethnologe Christoph von Fürer-Haimendorf über die Kopfjägerstämme im damaligen Assam berichtete. Seitdem war niemand mehr aus dem Westen in die unwegsamen Bergregionen jenseits von Bangladesch vorgedrungen. Politische Unruhen bis hin zu Bürgerkriegen um die Unabhängigkeit von Indien und Burma machten das Naga-Gebiet unzugänglich. Erst 1996 konnten zwei Frankfurter mit Hilfe einer Sondergenehmigung in die von Naga bewohnten vier indischen Bundesstaaten und den burmesischen Sagaing-Distrikt einreisen: Der Musiklehrer Peter van Ham und seine Frau Aglaja Stirn, Oberärztin am Frankfurter Klinikum und studierte Ethnologin, präsentieren nun von morgen an im Museum der Weltkulturen 32 großformatige Abzüge ihrer Fotografien, zudem Objekte aus ihrem Besitz und aus den Privatsammlungen Wittich/Jäger, von Miller (Frankfurt), Franzke (München) und Prokot (Köln).

          Unter dem Titel "Naga - Kopfjäger im Schatten des Himalaya" sind im Hochparterre des Schaumainkais 37 vier Räume den 30 verschiedenen ethnischen Gruppen gewidmet, die unter der Bezeichnung "Naga" zusammengefaßt werden, was im Assamesischen "die Nackten" bedeutet und im Burmesischen "die mit den durchstochenen Ohrläppchen". Der erste Raum führt in die Geschichte der Naga-Völker und die Erforschung ihrer matrilinearen Clangesellschaften ein und macht das Publikum mit dem "Morung", dem Junggesellenhaus und zugleich heiligen Zentrum des Dorfes, bekannt, in dem Naga-Mädchen und -Jungen ins Erwachsensein eingeführt wurden. Mit dem Häuptlingswesen, der Ernährung und Tätowierung beschäftigt sich der zweite Raum. Im dritten ist die Kopfjagd ausführlich dokumentiert, und im vierten Raum kann sich der Besucher unter anderem über die Politik im nordöstlichen Indien informieren.

          Die beiden Kuratoren haben von ihren sechs Forschungsreisen nicht nur Speere, Kopfjägerkörbe und eine Fotografie von Kinderköpfen mitgebracht, die bei den Naga besonders beliebt waren, weil ein Kopfjäger sehr mutig sein mußte, um in ein feindliches Dorf einzudringen. Sie zeigen auch Schmuck, Alltagsobjekte, Kinderspielzeug und rituelle Geräte. Gleich im ersten Ausstellungsraum ist auch die "Tsula" zu sehen, der traditionelle Kopfschmuck der Angami-Männer. Jede stilisierte Holzfigur am Hutkranz stellt einen erschlagenen Feind dar, aber mit den Federn des Doppelhornvogels durften sich die Träger erst schmücken, wenn sie ihren ersten Kopf erbeutet hatten. Bis dahin mußten sie sich mit Papierfedern begnügen.

          Eine monetäre Währung hatten nur die Ao erfunden: Ihre "Jabilis" waren kleine Eisenstäbe von unterschiedlicher Länge, die den Wert bestimmte. Sie sind mindestens 150 Jahre alt, denn als die Ao im 19. Jahrhundert mit den ersten christlichen Missionaren in Kontakt kamen, wurde ihnen der Umgang mit diesem "Teufelswerk" verboten. Kein Wunder, daß so mancher Schamane einen Abwehrzauber gegen den fremden Glauben entwickelte: Der Wirbelknochen eines Mithun-Büffels mit einem Kreuz zwischen den Augenhöhlen kündet davon. Mittlerweile jagen die drei Millionen Naga nicht mehr nach menschlichen Köpfen, sondern nach Rüben mit Glasaugen und Grashaaren oder sublimieren ihren Kopfjäger-Kult mit rituellen Kämpfen zwischen den Junggesellenhäusern verschiedener Clans. Aber ihre Dämonen haben sich im animistisch-christlichen Synkretismus behauptet.

          Eine Schriftsprache haben die Naga nicht ausgebildet, kennen aber bis zu 1000 Lieder. Mit den "Musiktraditionen der Naga" eröffnet Peter van Ham denn auch am 1. April um 19.30 Uhr die Vortragsreihe zur Ausstellung. Am 6. Mai sprechen die beiden Kuratoren über die Kopfjagd als weltweites Phänomen, das etwa die Bretonen bis ins 12. Jahrhundert oder die Montenegriner vereinzelt bis 1912 betrieben haben sollen. Im "Katzendschungel" des Zoos sprechen Stirn und van Ham am 4. Juni über "Leopardenmenschen" und "Tigerparlamente", denn die Naga glaubten an die Lykanthropie, die Fähigkeit des Menschen, sich in Tiere, in "Bruder Tiger" oder in "Schwester Büffel", zu verwandeln. Filme zum Thema bietet das Filmmuseum am 2. Mai an. Claudia Schülke

          Bis zum 26. September, geöffnet Dienstag, Donnerstag und Freitag von 10 bis 17 Uhr, Mittwoch von 10 bis 20 Uhr, Samstag von 10 bis 14 Uhr.

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