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Offenbacher "Kunstansichten" : Der Duft der Farbe

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Vorstellen kann man sich ja so einiges. Sogar, daß Condoleeza Rice morgens mit der U-Bahn ins Weiße Haus fährt, um mit dem Präsidenten zu frühstücken. Na, eigentlich nicht. Und daß sie während der Fahrt ...

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          Vorstellen kann man sich ja so einiges. Sogar, daß Condoleeza Rice morgens mit der U-Bahn ins Weiße Haus fährt, um mit dem Präsidenten zu frühstücken. Na, eigentlich nicht. Und daß sie während der Fahrt herzhaft in einen Kreppel mit rosa Zuckerguß beißt, während Bonbons ihr Dekollete umkreisen, das scheint doch etwas weit hergeholt. Aber Kaya Theiss, deren Ausstellung mit neuen Bildern nun zum Auftakt der Offenbacher "Kunstansichten" in der Galerie Thomas Hühsam (Frankfurter Straße61) eröffnet wurde, liebt den Dreh ins Skurrile. In Rußland klassisch-realistisch ausgebildet, erscheinen ihre neuen Arbeiten, insbesondere die Serie "Beifahrer", konzentrierter als früher. Sie geht dichter heran in ihren Porträts, und auch den surrealen Witz setzt sie dosierter und subtiler ein.

          Nur wenige Schritte weiter stolpert man vor der Fahrradhalle (Luisenstraße 51) zunächst über den selbstbewußt pauperistisch aufgemotzten Kombi Florian Jenetts. Mit den der High-Tech-Anmutung spottenden Heckflügeln und Spoilern aus Pappe heißt das Gefährt des Studenten bei Heiner Blum den Besucher willkommen, bevor man im Ausstellungsraum auf Antonio Marras von der Op-art beeinflußte und hier überraschend gut zur Geltung kommende Malerei trifft. Große Formate, deren Farb- und Formenreichtum sich mit jedem Schritt des Betrachters wundersam verändert, Senkrechten in die Waagerechte, schwarzweiße Farbstrukturen in bunte Tapisserien kippen läßt, bis man sich in den seltsamen Farbräumen zu verlieren droht.

          Überhaupt ist Malerei beherrschendes Thema bei den vom Netzwerk Offenbach in Zusammenarbeit mit der Stadt veranstalteten sechsten "Kunstansichten". Von den in der IHK ausgestellten, farbintensiven und zur Abstraktion tendierenden Werken Thomas Rodins in Acryl und Öl bis zu den in altmeisterlicher Technik ausgeführten und den Einfluß von Symbolismus und Surrealismus offensiv ausstellenden Bildern des jungen Alexander Timofeew in der Sammlung Michael Kaminsky (Domstraße 77A) ist ein breites Spektrum zu sehen.

          Die bis zum 21.September dauernde, mit zahlreichen "Specials" aufwartende Veranstaltung, die am Wochenende mit dem traditionellen und stets anregenden Rundgang durch in diesem Jahr mehr als 80 Galerien, Ausstellungsräume und Ateliers zum Abschluß kommt, ist nicht nur größer, bunter, aufregender geworden. Vor allem erscheint sie unübersichtlicher. Zwar mag man es durchaus begrüßen, wenn ein niedrigschwelliges Kulturangebot bis zu 10000 Besucher nach Offenbach lockt. Dennoch wünschte man sich, daß Thomas Hühsam und Oliver Raszewski vom Netzwerk gelegentlich kuratorisch eingriffen. Zwar macht es immerhin einen Sinn, kann es fast als konsequent gelten, wenn Raszewski seine großformatigen Kinderporträts in poppigen Farben in den Schaufenstern des Kaufhofs präsentiert. Doch der Kunst und den Künstlern tut man nicht unbedingt einen großen Gefallen, wenn etwa Reinhard Lohmiller seine von der Farbfeldmalerei beeinflußten Arbeiten in einem Friseursalon ausstellt, wenn Fotografie und Glasschmuck in der Ecke einer Bar präsentiert oder "surrealistisch-mystische" Malerei in einem Glasstudio aufgehängt wird. Die so gern zitierte Vielseitigkeit der Offenbacher Kunstszene droht hier zu kollabieren. Und daß die durchaus sehenswerte Schau mit Arbeiten von Zygmunt Blazejewski, der etwa einen Teil seiner Bilderrollen als Installation zeigt, mit Anna Maria Brocke Bodemanns spannungsvollen Collagen und mit Enkaustikarbeiten Johannes Kriesches im Ledermuseum schon am Wochenende vor dem Rundgang zu Ende geht, muß man wenigstens unglücklich nennen.

          Spannend ist dagegen die Teilnahme der Grafischen Werkstatt für Technik und Kunst (Geleitstraße 46). Nicht nur die Ausstellung mit Druckgrafiken etwa von Bernhard Jäger oder Hans Ticha, vor allem Geruch, Maschinenrattern und die Möglichkeit, Hoch- und Tiefdrucktechniken kennenzulernen, versprechen einen sinnlichen Zugang zur Kunst. Daneben ist es wie in jedem Jahr die Öffnung der Künstlerateliers, die den besonderen Reiz des Rundgangs ausmacht - ob man in Sabine Hartungs immer wieder faszinierende Rosenwelt eintaucht (Friedrichstraße 44), in den Ateliers an der Bieberer Straße141 Justine Ottos Porträts betrachtet oder dem Duft der noch trocknenden Farbe von Georgia Wilhelms realistischer Malerei nachsinnt. Anschließend bietet sich ein Besuch in der Mato Fabrik an (Bieberer Straße 215-217), wo den Besucher neben einer Gemeinschaftsausstellung mehr als 20 Künstler in ihren Ateliers erwarten. Wer dann noch laufen kann, der sollte zum Entspannen bei "B8" (Frankfurter Straße 141) vorbeischauen. "Horst Rekords und elvin dust entertainment" zeigen in einem der am wenigsten ambitionierten und dennoch überzeugendsten Programme des Rundgangs in einem alten Wohnwagen den aktuellen Stand ihres über mehrere Jahre angelegten Projekts "B8". Bei Bier und Musik kann man ein ganz eigenes Roadmovie verfolgen, fährt man mit im alten Opel Commodore, immer die unendlich lange Bundesstraße entlang. Offenbach, Frankfurt, die Kunst und der nächste Morgen, alles ist plötzlich ganz weit weg. Und es geht immer geradeaus. (Der Rundgang findet am Samstag und Sonntag von 15 bis 22 Uhr statt. Weitere Informationen unter www.kunstansichten.info.) CHRISTOPH SCHÜTTE

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