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Künstler Malte Sänger : Offenbach, du hast es besser

  • -Aktualisiert am

Arbeitet gerne nachts: Malte Sänger Bild: Marina Pepaj

Amerika wäre zwar auch schön, aber fürs Erste fühlt der Künstler Malte Sänger sich im Rhein-Main-Gebiet wohl. Am liebsten arbeitet er nachts.

          3 Min.

          Manchmal birgt ein Künstleratelier Geheimnisse. Über die an die Wand gelehnte Satellitenschüssel sagt Malte Sänger lediglich, er produziere mit ihrer Hilfe eine neue Arbeit. Bald werde sie in Düsseldorf zu sehen sein. „Es geht um geheime, unsichtbare Dinge, die um uns herum passieren“, ergänzt er. Fast unheimlich wirkt die Satellitenschüssel, als Sänger sagt, sie sei gut geeignet, um abzufangen, was durch die Luft schwirre.

          Dabei wirkt Sänger nicht wie jemand, der sich mit der Aura des Geheimnisvollen umgibt. Der 1987 in Frankfurt geborene Fotograf macht einen reflektierten und verbindlichen Eindruck und ist ein sprachgewandter, eloquenter Gesprächspartner. Sänger zeigt seinen Besuchern den großen Arbeitsraum, den er sich mit der Fotografin Felicitas von Lutzau und dem Künstler Paul Pape teilt. Der Raum ist Teil der Ateliergemeinschaft „Wäscherei“ in einer bis auf den deutlich vernehmbaren Fluglärm ruhigen Offenbacher Seitenstraße.

          Sonnenlicht im Atelierraum

          Durch die mit Lamellen bedeckte Fensterfront fällt Sonnenlicht in den Atelierraum. Zwei große Tische stehen in der Mitte, hinter ihnen zwei Fotodrucker. Ein großes, gemeinsam genutztes Metallregal ist mit Kisten, Papierrollen und verpackten Fotografien gefüllt. Neben der Satellitenschüssel fällt der Blick auf eine rätselhafte, aus einem Holzstab, Kabel und Kupferdraht zusammengesetzte Vorrichtung. Sie diene dem Abfangen von Satellitenbildern, erläutert Sänger.

          Es ist nicht das erste Mal, dass er mit Material arbeitet, das für das bloße Auge zunächst nicht erkennbar ist. Für seine „Abdrücke“ betitelte Diplomarbeit an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung durchforschte er öffentlich zugängliche Social-Media-Profile von Menschen auf der Flucht. Anhand der Metadaten der dort geposteten Fotos konnte er herausfinden, wo sie aufgenommen worden waren. „Man konnte die Wege nachvollziehen, die eine Person gegangen ist“, sagt er. In der Diplomausstellung zeigte er anschließend Satellitenbilder der jeweiligen Fluchtstationen neben den Social-Media-Aufnahmen.

          Computerfestplatten zum Kilopreis

          Es sei ihm um Abdrücke gegangen, die Menschen im digitalen Raum hinterließen, sagt Sänger. „Irgendwo in dieser ganzen nicht sichtbaren, technologischen Welt sind Spuren von Menschen drin“, fügt er hinzu. Die Suche nach diesen Spuren beschäftigt ihn. Auch in seinem Projekt „Partition“ aus dem Jahr 2015 ging es ihm darum, sorgsam Verborgenes aufzudecken. Sänger hat ausrangierte, formatierte Computerfestplatten zum Kilopreis erworben. Er habe es geschafft, die Datenträger wiederherzustellen, erzählt er. Bildhaft beschreibt er das Geschehene: „Aus diesem Klumpen Lehm wird plötzlich ein Golem.“

          Auf den Festplatten habe er intensive Informationen und tiefe Einblicke in menschliches Leben vorgefunden. Sie hätten ihn umgehauen. Sänger entschied sich gegen eine direkte Präsentation der von ihm vorgefundenen Fotografien und Dokumente. Auch andere Möglichkeiten schloss er nach und nach aus. So kam er zur letztlich gefundenen Form der Arbeit: Sänger wählte von jeder Festplatte jeweils eine markante Datei aus und hielt seine Eindrücke dazu handschriftlich fest. Die Beschreibungen zeigte er zusammen mit Fotografien der jeweils als unschuldige Kisten daherkommenden Datenträger.

          Seine Ideenfindung schildert er als Prozess ohne Startpunkt: „Ich sauge permanent Dinge auf, die mich interessieren.“ Irgendwann gebe es dann einen Punkt, an dem er merke, dass daraus eine Arbeit werden könne. „Ich bin ein sehr visueller Mensch“, betont er. Gleichwohl bemüht er sich um eine Balance zwischen stringentem Konzept und ansprechender Umsetzung: „Das spielt die ganze Zeit Ping-pong im Kopf.“ Das Atelier sieht Sänger als einen Ort, „an dem die Dinge, die im Kopf eigentlich schon ausdiskutiert sind, sich materialisieren“. Er betritt es zumeist gegen Mittag, erledigt zuerst Administratives und beantwortet E-Mails. Die eigentliche, künstlerische Arbeit beginne erst abends von etwa 18 Uhr an und ende meist gegen zwei Uhr nachts, erzählt er: „Dann wird es ruhiger, man ist abgeschiedener.“

          Tour durch Deutschland und Mexiko

          Dass der Atelierraum bezahlbar ist, ist für Sänger ein Grund, Offenbach und dem Rhein-Main-Gebiet treu zu bleiben. „In Berlin wäre es eine viel größere Anstrengung, so einen Raum zu halten“, sagt er. Auch könne man in Offenbach und Frankfurt entspannter und fokussierter arbeiten. Zudem gebe es in der Region wichtige Institutionen, die Fotografie sammeln und zeigen. Als Beispiele nennt er die Kunstsammlungen der DZ Bank und der Deutschen Börse sowie das Fotografie Forum Frankfurt.

          Dass es für ihn gerade gut läuft, verbirgt der HfG-Absolvent nicht. Die auf Gegenwartsfotografie spezialisierte Frankfurter Galerie Peter Sillem zeigte im Sommer eine Einzelausstellung seiner Arbeiten und nahm ihn ins Programm auf. Seine Serie „Abdrücke“ tourt mit der Ausstellung „Gute Aussichten – Junge deutsche Fotografie“ durch Deutschland und Mexiko. Dank eines Stipendiums sei er auch nächstes Jahr dabei, freut sich Sänger. Trotz alledem scheint er bereit für einen Aufbruch. Gerne würde er im Ausland, am liebsten in den Vereinigten Staaten, einen Master of Fine Arts machen, sagt er. Er wolle noch einmal besser werden, Kritik aushalten. Die Pläne seien aber noch nicht konkret, beteuert Sänger. An seinem Vorhaben zweifelt er jedoch nicht: „Ich glaube, wenn nicht jetzt, wann dann?“

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