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„Ödipus“ in Darmstadt : Angst vor dem Abgrund

  • -Aktualisiert am

Das Publikum wird von Bühnenbildnerin Jennifer Hörr mit eingebunden. Bild: Nils Heck

Antike Tragödie und die Fragen der Gegenwart: In Darmstadt inszeniert Christoph Mehler den „Ödipus“ von Sophokles – und macht dabei das Drama zum Krimi.

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          Dass er seinen eigenen Vater töten und seine Mutter heiraten würde, ist ihm in Delphi vorausgesagt worden. Dem Spruch der Götter glaubt Ödipus dennoch entkommen zu können. Er verlässt Korinth und seine Eltern, von denen er nicht wusste, dass sie nicht seine leiblichen sind. Denn auch diese – Laios und Iokaste – haben versucht, schlauer als die Götter zu sein, indem sie ihren Sohn als Baby aussetzten. Gerade weil Ödipus nichts von seinen wahren Eltern weiß, kann das Schicksal seinen Lauf nehmen.

          Lange Zeit wurde das von Sophokles vor mehr als 2400 Jahren präzise komponierte Drama als Schicksalstragödie gedeutet. Woran, fragte sich der Zuschauer, macht sich Ödipus eigentlich schuldig, da er doch nichts weiß von dem, was er tut? Wieso muss er so tief fallen? Aus dem König von Theben, aus dem gefeierten Retter der Stadt, wird ein Verstoßener. Und doch mache er sich ja einer Tat wissentlich schuldig, sagt Christoph Mehler, der das Stück nun am Staatstheater Darmstadt inszeniert: Ödipus hat an der Wegkreuzung einen alten Mann umgebracht. Dass dieser Mann sein Vater Laios ist, wusste er freilich nicht.

          Die große und noch immer aktuelle Frage des Dramas sei die nach der Eigenbestimmtheit des Menschen, die er gegen ein – scheinbar – vorgegebenes Schicksal zu verteidigen habe, lautet die Ansicht des Regisseurs, der nicht so sehr auf die Hybris des Helden abzielt. Der Glaube an die Götter der Antike habe heute freilich viele Analogien. Heute bezögen sich die Leute auf die Politik, die Wirtschaft, auf die Gesellschaft und deren Regeln, wenn sie vertrauensselig und aus der Überforderung behaupteten, dass etwas so sei, wie es eben sei – und nicht zu ändern.

          Das Drama wird in der Inszenierung zum Krimi

          Doch die Menschen könnten ihr Schicksal in die Hand nehmen, sagt Mehler. Es gehe im Stück um die Eigenverantwortung, die Götter seien nur ein Leitfaden, sie schauten den Menschen bei ihrem Handeln bloß zu. „Ich verstehe das Stück als Aufruf, wach zu sein und sich nicht alles gefallen zu lassen. Ob die Götter als Autorität heute von einer Diktatur repräsentiert werden oder von einer wirtschaftlichen Zwangssituation oder von was auch immer“, so Mehler.

          Darüber hinaus sei das Drama ein Krimi. Ein großes Rätselraten setze ein, wer denn der Mörder von Laios sei. Seine Witwe Iokaste habe viele Ahnungen, aber sie wolle diese verdrängen, „Das ist menschlich“, findet Mehler, „dass man nicht in den Abgrund schauen möchte.“ Dass aber Ödipus, der ja mit der Suche nach dem Mörder beschäftigt ist, wohl schon recht früh ahnt, dass er sich selbst wird überführen müssen, möchte Mehler herausstellen: Er will Ödipus, gespielt von Jörg Zirnstein, nicht als bedauernswerten, humanistischen König zeigen, sondern als einen Herrscher, der seine Macht erhalten will. Der seine Taten vertuschen würde: „Doch am Ende sind die Ereignisse zu groß.“

          Diese Sichtweise auf Ödipus, den Tyrannen, findet Mehler in der Bearbeitung von Heiner Müller wieder, dem als Vorbild Chruschtschow diente. „Ich bin ein großer Müller-Fan“, sagt Mehler, der am Deutschen Theater in Berlin als Assistent erste Regie-Erfahrungen sammelte. „Ich liebe seine Sprache und seine Kantigkeit, seine Abgründe, sein Sezieren und sein Verdichten.“ Lediglich historisch und artifiziell möchte Mehler die Tragödie nicht zeigen, auch müsse man als Zuschauer nicht über alle Götter Bescheid wissen. „Wir spielen mit Versatzstücken aus der Antike und der Gegenwart“, so der Regisseur. Ein großer Steg führt in den Zuschauerraum: Das Publikum wird von Bühnenbildnerin Jennifer Hörr mit eingebunden. Mehler möchte den Blick für die Heutigen öffnen: „Ich versuche nicht einen großen, antiken Ton zu finden, sondern persönlich, konkret und direkt zu sein.“

          ÖDIPUS

          Die Premiere findet am 16. Oktober um 19.30 Uhr im Staatstheater Darmstadt statt.

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