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„Ödipus – vor der Stadt“ : An den Gestaden des Mains

Unter unserem Himmel: Ödipus (Marc Oliver Schulze), König von Theben, hat große Schuld auf sich geladen. Bild: Birgit Hupfeld

Der Kreis schließt sich: „Ödipus – vor der Stadt“ auf der Freilichtbühne an der Weseler Werft in Frankfurt erzählt von Schuld und Schicksal.

          2 Min.

          Alles zurück auf Anfang. Und nicht nur in dem engen Sinn, dass mit Michael Thalheimers Inszenierung des „Ödipus“ von Sophokles die Intendanz Oliver Reeses am Schauspiel Frankfurt endet, wie sie vor sieben Jahren begonnen hat. Vielmehr verweist die Aufführung des Stücks an der Weseler Werft auf die Ursprünge des Theaters, ja: unserer Kultur überhaupt. Und die liegen nun einmal, worauf auch die Documenta in diesem Jahr mit der gebotenen Deutlichkeit die Aufmerksamkeit lenkt, in Griechenland. Und unter freiem Himmel. Die Tragödie fand in der Antike auf der Freilichtbühne statt, und dorthin ist sie am Ende dieser Schauspiel-Saison zurückgekehrt. Mit Masken und Kothurnen, mit Chor und derart grundlegenden Konflikten, dass 2500 Jahre wie ein Wimpernschlag der Geschichte anmuten. Thalheimer rettet einiges von der Wucht, die einst die Wirksamkeit der theatralischen Kunst begründete, in die Gegenwart, in der die Verblendung und Tatsachenleugnung gerade bei den Mächtigen wieder besonders weit verbreitet scheint.

          Michael Hierholzer
          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein großartiger Marc Oliver Schulze als König Ödipus kann es lange nicht fassen, dass er unsagbare Schuld auf sich geladen hat und ein ganz anderer ist, als er zu sein glaubt. Und die nicht minder phantastisch spielende Constanze Becker möchte als Iokaste auch nicht glauben, was eigentlich sonnenklar hervortritt: Ihr Mann ist ihr Sohn und der Mörder ihres früheren Gatten Laios. Umso schrecklicher gerät die Einsicht ins schließlich Unleugbare. Das Drama, das lange von den rhetorischen Künsten lebt, gerät am Schluss recht drastisch. Der öffentliche Charakter der antiken Schauspielkunst wird vor der Frankfurter Stadtkulisse an den Gestaden des Mains wieder lebendig, auch wenn die Moderne gelegentlich wie ein komischer Effekt in das Trauerspiel eingreift.

          Kaum erträgliche Selbsterkenntnis

          Ein Hubschrauber übertönt ein paar ewige Sekunden lang die Worte auf der einfachen, langgestreckten Bühne, an deren Seiten der Chor plaziert ist. Das „Wappen von Frankfurt“ benannte Schiff sorgt mit seiner ausgelassenen, den Zuschauern fröhlich winkenden Party-Gesellschaft für eine gewisse Irritation, und die Verzweiflungsschreie des Ödipus finden auf den umliegenden Balkonen ein Echo aus, wie wir annehmen, kindlichem Mund. An die Natur, der alles entstammt und die ihr Recht stets noch einfordert, erinnern dagegen die Insekten, von denen die im Scheinwerferlicht stehenden Akteure umschwirrt werden. Der Intensität des Geschehens tut dies alles freilich keinen Abbruch. Dieses Spiel lässt die Welt hinter sich und ist doch ein Teil von ihr. Frankfurt ist während der Vorstellung Theben und damit auch ein Ort, an dem sich menschliche Tragödien abspielen.

          Das Schicksal kann hier ebenso zuschlagen wie anderswo. Und der Wahrheit ins Gesicht zu sehen fällt den Gegenwartsmenschen in etwa so schwer wie den alten Griechen. Ungefähr anderthalb Stunden ohne Pause dauert der Prozess der Selbsterkenntnis, befördert durch den Seher Teiresias (Michael Benthin), Ödipus’ Schwager Kreon (Isaak Dentler), einen Boten aus Korinth (Oliver Kraushaar) und einen Hirten des Laios (Wolfgang Michael), der die letztgültige Gewissheit in den Fall bringt. Der Dienerin der Iokaste (Alexandra Finder) bleibt nur noch, vom Freitod ihrer Herrin und der Selbstblendung des Ödipus mit deren Gewandnadeln zu berichten. Wenn dann, wie am ersten der Aufführungsabende, die Luft nicht gerade lau ist, steigert sich das Gefühl des Untröstlichen ins kaum Erträgliche. Großes Theater.

          Weitere Aufführungen von Mittwoch bis einschließlich Freitag jeweils von 20.45 Uhr an. Es gibt eventuell Restkarten an der Abendkasse.

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