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Neuer „Nussknacker“ : Tschaikowsky, auf links gedreht

Winterliche Choreografie: Im neuen „Nussknacker“ von Tim Plegge wird gezaubert Bild: Regina Brocke

Tim Plegge hat für seinen „Nussknacker“ nicht nur die Familie neu erzählt, sondern den Groove in der Musik entdeckt. Er erzählt Anfang, Mitte und Ende mit offenen Fragen.

          2 Min.

          Als Einziger in der ganzen Compagnie hat Plegge nie einen „Nussknacker“ selbst getanzt. Dafür hat der Direktor und Chefchoreograph des Hessischen Staatsballetts sich jetzt getraut, eine neue, die schaurigen Seiten der literarischen Vorlagen streifende Interpretation zu schaffen. Tänzerische Komik aber, der Humor, bisweilen sogar ein wenig betulich, überwiegen die düsteren Stellen.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Großmütter jedenfalls, die mit ihren Enkelkindern den neuen hessischen „Nussknacker“ besuchen, sollten das nicht persönlich nehmen: Es ist durchaus plausibel, dass die Eltern, Onkel, Cousinen, die zu der leicht chaotischen Weihnachtsfeier der Familie Silberhaus anrücken, in Maries (Vanessa Shield) Unbewusstem, in ihren Träumen und Phantasien, als ganz andere wiederkehren. So wird eben aus der schlechtgelaunten Oma (Masayoshi Katori) die Rattenkönigin, Feindin des Nussknacker-Prinzen (Daniel Myers).

          Wuselige Ballettkinder

          Und der merkwürdige Nenn-Onkel Drosselmeier, der überhaupt den Nussknacker angeschleppt hat, ist immer da, über, neben, in den düsteren Schränken, in denen sich Maries Puppen ebenso verbergen wie das Phantasiereich des Zuckerlandes.

          „Der Nussknacker“ gehörte seit 1892 jahrzehntelang zu Weihnachten – nicht nur für das Publikum. Toni Bentley hat vor 30 Jahren in ihrem „Selbstporträt einer Tänzerin des New York City Ballet“ beschrieben, was der „Nussknacker“ alljährlich für das Ensemble bedeutete: Theaterschnee, wuselige Ballettkinder, Kostüme, wie man sie sonst nie trägt. Das ganze Paket gibt es jetzt auch an den Staatstheatern Wiesbaden und Darmstadt, samt einem Dutzend herzallerliebster Ballettkinder, die als Schneeflöckchen zwischen den Tänzern wuseln.

          Nichts für Puristen

          Reichlich Schnee quillt aus den mysteriös riesigen Schränken (Bühne Philipp Schlößmann, Kostüme Judith Adam) wie Maries tanzende Puppen, gruselig-lustige Sorgenfresserchen, wie die Rattencombo. Nicht nur Ramon John als diabolischer Drosselmeier fährt virtuos Rollschuh. Plegge hat den „Nussknacker“ nicht nur auf den Kopf gestellt, sondern auch gleich noch auf links gedreht. Am Pult tut das in Wiesbaden Generalmusikdirektor Patrick Lange, denn musiziert wird live, was großartig ist, auch wenn bei der Premiere das in Graben und Seitenlogen plazierte Orchester bisweilen etwas unausgewogen klang.

          Vor allem aber hat Plegge Tschaikowskys Partitur kräftig gemischt und gezaust zugunsten seiner Interpretation, die E.T.A. Hoffmann und Dumas mit Tolkien und Carroll mischt. Die Ouvertüre erklingt in der Mitte, stattdessen ist aus der Zuckerfee eine Art Anfang geworden, der Blumenwalzer wird zu Mutters Aufräumsong, und immer wieder formt Ralph Abelein an der Hammondorgel aus Tschaikowsky und Weihnachtsliedern Jazziges, das mal mehr, mal weniger gut zur Stimmung passt.

          Das ist natürlich nichts für Puristen – aber schon der erste „Nussknacker“ war, vor allem im zweiten Teil, eher eine Szenen-Aneinanderreihung. Plegge hingegen erzählt Anfang, Mitte, Ende, mit offenen Fragen. Weil er dabei strikt nach dem geht, was ihm erzählerisch plausibel erscheint in der Musik, hört man nicht nur alles an anderen Stellen, sondern auch, wo in Tschaikowskys Musik der Showtanz, die Hymne, der Stehblues verborgen sind, die Plegge im munteren Stilmix zeigt – und wo sich das Brüchige in der Walzerseligkeit versteckt. Das ist auch schon eine Art Drosselmeier-Theaterzauber. Er wirkt: Der Beifall war riesig.

          Nächste Vorstellungen

          Am 25., 27. und 31. Oktober am Staatstheater Wiesbaden, von 16. November an am Staatstheater Darmstadt.

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