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Element of Crime live : Nur die Liebe ist unvergänglich

Sing, spielt Gitarre und bläst Trompete: Sven Regener von Element of Crime Bild: Bäuml, Lucas

Element of Crime betören ihr Publikum in der ausverkauften Frankfurter Jahrhunderthalle. Dabei geht es unter anderem um die Wurst.

          Es geht um die Wurst. Jene Wurst, die man sich aufs Brot legt. Auf jenes Brot, das in einer Tüte vom Supermarkt nach Hause geschleppt worden ist, nach einem Einkauf im Markt, bei dem die Gedanken des vernünftig denkenden Menschen während des Abarbeitens des Einkaufszettels abgeschweift sind zu den asozialen und total verrohten Vollidioten, zwischen denen er eingeklemmt ist. So ätzt nicht der Misanthrop Thomas Bernhard und grantelt auch nicht Georg Kreisler, so raunzt vielmehr Sven Regener in dem Lied „Ein Brot und eine Tüte“. Es ist einer der Höhepunkte des an Höhepunkten nicht armen Element-of-Crime-Albums „Schafe, Monster und Mäuse“, dem vierzehnten Studioalbum in der mittlerweile 34 Jahre währenden Karriere der Berliner Band.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das ist eine lange Zeit, in der sich Element of Crime aber einen gewissen Furor bewahrt haben, wie nicht zuletzt die Liveversion von „Ein Brot und eine Tüte“ beweist, die die Band nun bei ihrem feinen Konzert in der ausverkauften Frankfurter Jahrhunderthalle bot. In Regeners knarzigem Gesang schwang gekonnt der unterschwellige Zorn des gestressten Städters mit, den wohl jeder Städter tatsächlich hin und wieder verspürt, ohne aber gleich dem „Wahn“ verfallen zu müssen, von dem die formidable Vorgruppe Isolation Berlin so bedrohlich sang.

          Mitteleuropäisch und amerikanisch zugleich

          Dann doch eher fast schon heitere Melancholie wie bei Element of Crimes „Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“, dem Auftakt zum zweistündigen Programm, das natürlich die Lieder von „Schafe, Monster und Mäuse“ in den Mittelpunkt rückte, aber durchaus auch in den Rückspiegel und damit bis in die frühen neunziger Jahre blickte. Nur die gloriosen Anfänge, als die Band noch auf Englisch sang und nicht nur aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit John Cale zu Vergleichen mit Velvet Underground Anlass gab, werden schon lange nicht mehr gestreift, obwohl hie und da auch in neueren Liedern Lou Reeds Geist noch merkbar ist.

          Allerdings ist Berlin nicht New York und schon deshalb wird eine eigene musikalische Sprache geboten, die Element of Crime ja in einem ebenso geschmackvollen wie liebevollen Mix aus Chanson, Indie-Rock, Rock und Folk gefunden haben; der sich auch der Rhythmen von Polka und Walzer bedient und gerade deshalb zutiefst mitteleuropäisch und amerikanisch zugleich klingt. Schließlich werden hier wie dort die Einflüsse verschiedener Volksmusiken verarbeitet. Wenn in der Jahrhunderthalle etwa die düstere Weise „Stein, Schere, Papier“ ertönt und man sich nicht zum ersten Mal an Calexico erinnert fühlt, wird die große Schnittmenge deutlich, auch wenn Regener mit seinen Trompetenstößen gewiss keine Mariachi-Assoziationen bezwecken will.

          Das Wort Romantik

          Sie unterstreichen, ebenso wie Ekki Buschs Akkordeonklänge oder Jakob Iljas Gitarrenlicks, die melancholische Grundhaltung der meisten Songs, die eher vom Scheitern, von aufgegebenen Träumen und verwehten Chancen erzählen, als dass sie das Leben feierten. Eines ist jedoch unvergänglich: die Liebe. Es ist „Immer noch Liebe in mir“ versichert Regener, was man ihm vor allem nach dem wunderbaren „Bevor ich dich traf“ ganz gewiss glaubt, selbst „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“.

          Denn Regener, dieser Meister der Lakonie, ist recht eigentlich ein Romantiker. Nicht etwa, weil er zwischen den Liedern immer mal wieder gern das Wort „Romantik“ ins Mikrofon ruft, sondern weil er an die Kraft der Bilder glaubt, die Element-of-Crime-Songs wecken. Selbst wenn sie auf der Straße der Verdammten nach Delmenhorst führen. Doch wie heißt es im Lied über die niedersächsische Stadt? „Erst wenn alles scheißegal ist, macht das Leben wieder Spaß.“ Vermutlich auch der Wursteinkauf im Supermarkt.

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