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Kapitalismuskritik im Theater : „Wir sitzen alle in der Zwickmühle“

Alter Bekannter: Nis-Momme Stockmann war zwischen 2009 und 2012 Hausautor am Schauspiel Frankfurt. Bild: Maria Feck/Laif

Nis-Momme Stockmann hat ein Stück über den Kapitalismus geschrieben. In Aarhus wurde es uraufgeführt, nun ist es in deutscher Sprache am Schauspiel Frankfurt zu sehen. Im Interview spricht er über die Besonderheiten der Inszenierung.

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          Herr Stockmann, in Ihrem Stück spricht im ersten Teil eine Stimme – ein Autor, der für das Theater schreibt – über den Kapitalismus. Er beschreibt, wie schwierig es sei, Kritik daran in ein Theaterstück zu fassen. Ist das so?

          Anna-Sophia Lang
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das ist nicht nur eine Frage des Theaters. Der Kapitalismus ist ein System, das Dinge internalisiert für sich und seine Zwecke. Er verleibt sich sogar Plattformen für die Kritik an ihm ein. Damit kommen wir kein Stück weiter, weder das Theater noch sonst jemand. Auf der anderen Seite finde ich, dass wir am falschen Ort nach dem Kapitalismus suchen. Wir neigen dazu, ihn als Phänomen zu externalisieren und zu sagen, er ist da draußen bei den Banken, in den großen gesellschaftlichen und ökonomischen Kontexten, anstatt im eigenen Wesen oder der eigenen Biographie zu suchen. Damit beschäftigt sich das Stück. Es will nicht den Blick nach außen richten, sondern nach innen: wie das innere Tableau im 21. Jahrhundert dazu beiträgt, dass der Kapitalismus scheitert oder weiterhin akzeleriert.

          Der Titel lautet „Das Gesicht des Bösen. Und das unerwartet freundliche Gesicht derer, die ihm zuarbeiten“. Im zweiten Teil stehen die Figuren Schwarz und Blau im Fokus, Mitarbeiter eines Waffenherstellers, die eines späten Abends plötzlich geheime Dokumente in die Chefetage bringen sollen, dann aber im Aufzug stecken bleiben, wo sich in den folgenden Stunden dramatische Szenen abspielen. Dort beginnen die beiden, ihre Rolle im Unternehmen und in der Welt zu reflektieren. Sind das die Figuren, anhand derer Sie zeigen, was sie eben erklärt haben?

          Das Stück ist im Mittelteil klassisches Konversationstheater. Das, was man erwarten würde von einem kapitalismuskritischen Stück: Zwei Männer, die für eine böse Firma arbeiten, werden gezeigt. Aber ich finde es schwierig, mit dem Finger zu zeigen und Leute zu verurteilen. Mir geht es eher darum – daher auch der Titel –, dass wir das doch alle sind: Wir tun Dinge nicht aus Gier oder Bösartigkeit, sondern weil wir in diesem System vorkommen und funktionieren müssen und es widersinnig wäre, sich nicht zumindest zu einem bestimmten Grad nach den Spielregeln zu verhalten. Es geht mir darum, diese Figuren nicht zu demontieren oder diskreditieren, sondern sie zu verstehen in der Tragik ihrer Gewordenheit in diesem System.

          Es gibt vor allem zu Beginn viele Stellen, an denen man lachen muss, aber mit der Zeit kommt man den Figuren näher. Man lernt, sie zu verstehen.

          Das ist das, was ich möchte. Natürlich haben sie auch lustige oder lächerliche Aspekte in ihrer Tragik. Und es gibt ganz traurige. Im besten Fall entdeckt man sich selbst darin und sieht sie in ihrer Misere, nicht nur darin, dass sie Dinge aus Eigennutz tun, um weiterzukommen für die Karriere. Sondern dass sie in einer Zwickmühle sitzen, wie wir alle.

          Auch das Theater sei davon nicht ausgenommen, sagt die Stimme am Anfang des Stücks.

          Nein, überhaupt nicht. Das ist das Perfide: Anders als Film oder Fernsehen können wir beim Theater immer noch sehr flexibel arbeiten und uns Nischenthemen zuwenden. Oft wird das aber nicht gemacht. ­Viele Theaterfunktionäre handeln nach einem total kapitalistischen Denkmuster. Da geht es vielleicht nicht um echtes Kapital, aber symbolisches: die gute Kritik, die Einladung zum Theatertreffen, dass man im Kanon vorkommt. Von diesen Dingen machen wir uns am Theater nicht frei.

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