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Nibelungen : Der Hort ist Realität, die Liebe bleibt ein Mythos

Szene aus „Nibelungen” im Schauspiel Frankfurt Bild: Schauspiel Frankfurt/Runkel

In der Schmidtstraße 12 zeigt das Frankfurter Schauspiel das Stück „Nibelungen“ nach Friedrich Hebbel. Schnitzeljagd, Videoinstallation, Loungeatmosphäre, Urschreiseminar, Dramakurs und manches mehr ist dabei zu erleben.

          Und sie erzählt sie doch. Die Inszenierung die Geschichte nämlich. Der Plot schält sich nach und nach heraus. Mit unerbittlicher Konsequenz, wie sie jeder uralten, archetypischen, unterschwellig allzeit wirksamen Legende eigen ist. Die Dinge nehmen ihren tragischen Verlauf: vom Eintreffen Siegfrieds am Burgunderhof in Worms über den Tod des Helden bis zu Kriemhilds Rache. Ein klarer Strang. Eine deutliche Abfolge. Ein deutscher Mythos.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Obwohl es anfangs und gelegentlich auch zwischendurch so aussieht, als sei keinesfalls beabsichtigt, die Personen in einer linearen Handlung an die überlieferten Theatergesetze zu binden, an die Einheitlichkeit von Ort und Zeit, an die Logik von Rede und Gegenrede. Denn da zerfallen die „Nibelungen“ zu Fragmenten eines Gesamtkunstwerks aus Theater und Film, Licht und Klang, Szenerie und Vortrag, Text und Musik, Sage und Gegenwart, Trauerspiel und Farce, hohem Ton und Alltagssprache, Kitsch und Sehnsuchtsbildern, Kostümball und Neuer Sachlichkeit, begehbarem Raumobjekt und labyrinthischer Bühne.

          Mörderische Vernunft

          In der Schmidtstraße 12, dem theatralischen Experimentierfeld des Frankfurter Schauspiels, sind Schnitzeljagd, Videoinstallation, Loungeatmosphäre, Urschreiseminar, Dramakurs und manches mehr an diesem Abend zu erleben. Aber eben auch ein Stück von Friedrich Hebbel. Und dahinter, davor, dazwischen die Macht, die Kraft, die Wucht des Mythos. Dank der großen Somnambulen des hiesigen Sprechtheaters steht am Ende der Reise in die moderne Nacht freilich ein Mythos der besonderen Art: das starke Gefühl. Anne Müller beschwört die Liebe. Das zwischen der von ihr verkörperten Kriemhild und Siegfried (Sebastian Schindegger) entstandene immaterielle Gut, das kein Nibelungenhort aufwiegen kann.

          Müller alias Kriemhild wütet nach der Pause im nunmehr weithin freigeräumten Theatersaal, reißt da noch einen Vorhang herunter, stößt dort noch eine Kiste um und steckt Langspielplatten, bestes Vinyl, zwischen zwei Holzstümpfe, um mit der Axt einen Tonträger nach dem anderen zu durchtrennen. Ein Wutausbruch, der sich gegen die Norm, gegen die mörderische Vernunft, gegen ein Denken, in dem Zwecke und Nutzen die Hauptrolle spielen, richtet. Konkret gegen Worms also, gegen Hagen, gegen die höfische Ordnung. Die flirrende Reinheit der Empfindung kann niemand so betörend zum Ausdruck bringen wie diese Schauspielerin.

          Blick in eine Herrentoilette

          Der Aufstand gegen die Realität: Diese Wendung gibt der Regisseur dem altbekannten Stoff. Es ist eine kunsttheoretische Pointe. Denn einer alten Sage nach ist es die Kunst, die sich gegen die „wirkliche Wirklichkeit“ wendet und eine eigene schafft. So werden die Besucher anfangs in Bewegung gesetzt, um sie, wie bei einem Initiationsritus, zur Kunst zu führen. Gänge, Treppen, Werkstätten, Technikräume verwandeln sich in künstlerische Bezirke. Kriemhild sagt etwa drei Stunden später den programmatischen Satz: „Wie soll Bewegung entstehen, wenn überall Realität ist.“ Daher wird die Realität erst einmal zum Verschwinden gebracht.

          Es geht durch die Katakomben der Spielstätte. Zunächst begegnet das in Gruppen aufgeteilte Publikum einem Archivar, der auf dem Gang am Kopiergerät steht und sich Gedanken über Original und Nachahmung macht. Sodann werden wir ins Freie gelotst, wo jemand an Schildern dreht, die etwa nach „Island“ oder zum „Odenwald“ weisen, Regionen, die in der nordischen Mythologie und in der Nibelungensage von Bedeutung sind. Die Besucher werden über Treppen hinabgeleitet, der Blick in eine Herrentoilette fällt auf ein Video mit nackten männlichen Tatsachen, eine Vielzahl von Zetteln mahnt „weiter gehen“, schließlich trifft man auf einen Referenten mit Architekturmodell am Vortragspult, der von der Weltesche und Odin berichtet. Es ist Aljoscha Stadelmann, der kurze Zeit später als Hagen von Tronje zu sehen sein wird.

          Pop ist Mythos

          Anne Müller zerschreddert vor einer Wand mit LP-Covern wortlos irgendwelche Papiere im Reißwolf, Julia Penner, die alsbald als Brunhild auftreten wird, spricht von den Augen, die ein ganzes Menschenleben lang gleich bleiben. Auch ein Hinkelstein und das leitmotivische Graffito „Der Hort ist Realität“ sind uns bei der Raumbegehung aufgefallen. Der Stein wird in Kürze zum Gegenstand eines Wettkampfs zwischen Siegfried und Gunther (Wilhelm Eilers). Wenn wir erst einmal sitzen. Bevor wir es dürfen, müssen wir durch eine von vier Türen gehen, die uns ein anderer Archivar weist. Über einer steht „Helden“. Dass die Helden von heute mit Popstars verwechselt werden können, ist auch ein Thema dieser kurzweiligen, mit Symbolen überfrachteten „Nibelungen“-Adaption. Pop ist Mythos: eine weitere Gleichung, die in dieser von viel Bühnennebel umwehten Inszenierung mit Texten von Johannes Schrettle aufgeht. „Ich finde den so toll, der ist so anders, der macht einfach, was er denkt, das find’ ich super“, sagt Kriemhild über Siegfried zu ihrem Bruder Giselher (Nicholas Reinke). Der Mythos, lehrt uns dieser Abend, lebt. Wir können ihm nicht entrinnen.

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