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Kunst : Bruegel, Doughnuts und weiße Socken

Trenton Duerksen, Designated Area, 2006 Bild:

Seine Skulpturen kennzeichnet die Spannung zwischen einer geradezu schlampigen Anmutung und einer verblüffenden Akkuratesse im Detail: der New Yorker Künstler Trenton Duerksen in der Galerie Parisa Kind.

          Wenn das Leonardo wüsste. Dass Trenton Duerksen nun, nach mehr als 500 glanzvollen Jahren Kunstgeschichte, Ross und Reiter seines „Il Cavallo“ nennt. Werbung, Sumoringer und dergleichen in poppig bunten Farben umranken den edlen Auftritt, und auf seinem Rücken grüßt nicht wie in Leonardos Plänen vorgesehen der Herzog von Mailand mit Degen oder generöser Geste, sondern eine reichlich alberne amerikanische Comicfigur mit gezogenem Revolver. Muss man das jetzt komisch finden? Respektlos oder schlicht verwegen? Muss man selbstverständlich nicht, es schadet aber keineswegs. Doch darauf kommt es erst in zweiter Linie an.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Was die Collagen, vor allem aber die Tuschezeichnungen des New Yorker Künstlers sehenswert erscheinen lässt, ist vielmehr neben ihrer Leichtigkeit und handwerklichen Souveränität ihr exemplarischer Charakter. Schon vor zwei Jahren, als Parisa Kind den 1980 in Kansas geborenen Künstler erstmals mit seinen Skulpturen in ihrer Frankfurter Galerie (Offenbacher Landstraße 13-15) vorstellte, war es der Bezug auf amerikanischen Alltag und Geschichte einerseits sowie der äußerst kreative Umgang mit ungewöhnlichen, poweren, gelegentlich trashigen Materialien in Kombination mit edlen Werkstoffen andererseits, der seine Plastiken auszeichnete, kurz: die stets überraschend und ganz nonchalant vorgetragene Begegnung von high und low.

          Kritische Volte

          Auch bei seinem zweiten Einzelauftritt am Main mixt er ohne Rücksicht auf Verluste Doughnut-Kartons und dutzendweise weiße Socken, Beton und Schaumstoff oder leuchtend-warmes Zedernholz zu merkwürdigen Formfindungen, die er am Eröffnungsabend kalauernd „meinen Brancusi“ nennt. Und wenn er Dutzende oder Hunderte von Rechnungen für Handy, Kreditkarte und dergleichen mehr, „das ganze Zeugs mit meinen persönlichen Daten drauf“ verleimt und wie einen handgeformten Ziegelstein auf einen geradezu edel sich ausnehmenden Sockel setzt, nur, um das Ganze dann „Return to sender“ zu nennen, dann geschieht auch das in durchaus komischer Absicht.

          Die stets kritische Volte aber in Duerksens Werk lässt sich schlechterdings nicht übersehen. Vor allem aber kennzeichnet seine Skulpturen die Spannung zwischen einer geradezu schlampigen Anmutung und einer verblüffenden Akkuratesse im Detail. Und angesichts von Duerksens jetzt erstmals zusammen mit seinem plastischen Werk präsentierten Papierarbeiten wird vollends offenbar, was bei flüchtiger Betrachtung leicht zu übersehen ist: dass sein konzeptuelles Vorgehen mitnichten eine künstlerische Masche ist, sondern ganz und gar Methode.

          Bruegel, Rubens und Barock und immer wieder Leonardo lassen von den Blättern grüßen, doch die Bühne, auf der sie ihren Auftritt haben, ist die der Unterhaltungsindustrie. Und da ist alles eins. Comic, Werbung, Disneyland und reduzierte Zeichnungen, wie sie sich in Kinderausmalheften finden, begegnen „Il Cavallo“ oder Bruegels „Turmbau zu Babel“ hierarchielos auf der Fläche. „High“ oder „low“, gleichviel. Das mag mancher provozierend nennen. Belanglos aber ist es nicht.

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