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„Freischütz" in Mainz : Es singt der Chor der Normalbürger

Das Unbewusste wird mitgezeigt: Alexander Nerlichs Interpretation des „Freischütz“, hier Alexander Spemann als Max (Zweiter von rechts) und Chor. Bild: Andreas Etter

Mit einer Performerin in der Rolle des Samiel gewinnt Regisseur Alexander Nerlich eine neue Perspektive auf den "Freischütz" in Mainz. Die kleine Sprechrolle ist in der Landeshauptstadt omnipräsent.

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          Der teuflische Samiel, mit dem die Jägerburschen Kaspar und Max um der Freikugeln willen, die immer treffen, ihre todbringenden Pakte eingehen, bekommt eine ganz neue Bedeutung. In Alexander Nerlichs Neuinszenierung der Oper „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber am Staatstheater Mainz wird er zu einer ganz neuen, szenisch tragenden Gestalt. Die kleine Sprechrolle, für die in anderen Produktionen in der Wolfsschluchtszene mitunter nur eine finstere Stimme vom Band zugespielt wird, bleibt gerade dort stumm, ist dafür aber sonst omnipräsent.

          Guido Holze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die kanadisch-italienische Tänzerin und Performerin Alessia Ruffolo verdeutlicht in der Choreographie von Jasmin Hauck, die sich mit modernen Ausdrucksmitteln sehr passend und einfühlsam zur Musik fügt, nämlich all die inneren, oft dunklen Wünsche, Sehnsüchte und Motive jeder einzelnen Hauptfigur. Als androgyne, mephistophelische Erscheinung verführt Ruffolo mit katzenhafter Geschmeidigkeit, offenbart den Subtext des so naiv erscheinenden Librettos oder windet sich mit artistischer Geschicklichkeit durch das in allen drei Akten gleichbleibende Einheitsbühnenbild von Wolfgang Menardi.

          Dieses erfüllt wie die Kostüme von Zana Bosnjak mit nur leichter Stilisierung eine konventionelle Erwartungshaltung. Angesiedelt ist das Ganze so, wie vorgegeben, kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg in einer ländlich-waidmännischen, hier dunklen Atmosphäre: Uniformen, raumgreifende Röcke, Hüte, Vorderlader-Gewehre, drei hohe Bäume, die den Wald als bedrohlichen Ort im Sinne der schwarzen Romantik dauerhaft ins Blickfeld rücken, ein paar Biertische und als zentrales Element auf der Drehbühne ein großes Gerüst mit einer Holztreppe.

          Mehr psychologische Tiefe als Moderne

          Das alles ist sofort als klassische „Freischütz“-Ausstattung zu identifizieren und wirkt auf den ersten Blick allzu hergebracht. Doch führt Nerlich, der als Hausregisseur am Mainzer Staatstheater nach mehreren Schauspielinszenierungen nun erstmals und nach 20 Monaten reduzierten Pandemie-Programms dort überhaupt wieder eine große Opernproduktion auf die Bühne bringt, mit seiner starken Gewichtung der Samiel-Rolle viel eher in psychologische Tiefen als vordergründig krass modernisierte Deutungen.

          Er stößt das Publikum nicht mit den heutzutage fast üblich gewordenen Nazi-Uniformen für die Jäger oder mit Gruppenvergewaltigungen vor den Kopf und konterkariert nicht Webers Musik. Vielmehr gibt er ihr Raum zur Entfaltung, lässt zur Ouvertüre bezeichnenderweise den Vorhang unten und kann durch die bewegungsreiche Energie der Tänzerin in den großen Chorszenen auch mal Statik walten lassen.

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          Der Ansatz, wie ihn Nerlich im Programmheft dargelegt hat, wird schnell klar und ist gut verständlich: „Samiel verkörpert bei uns nicht das Böse, sondern das bedrohliche Unterbewusste.“ Es geht demnach um „eine Gegenkraft, die Ambivalenz in Szenen hineinbringt, die Figuren Probleme bereitet oder etwas in ihnen befreit“. Dass alle diese Ambivalenz in sich tragen, zeigt sich auch in anderen Bildern früh: wenn etwa der Chor der Normalbürger den armen Max beim Schützenfest verlacht, weil er danebengeschossen hat, und die Szene mit fiesem Unterlicht quasi einfriert.

          Die Versagensangst treibt den guten Jägerburschen, der nur nach erfolgreichem Probeschuss den Hof des Erbförsters und die Hand von dessen Tochter Agathe erhalten soll, fortan um. Das macht Alexander Spemann als so gar nicht strammer Max fühlbar, wenngleich stimmlich wohl eher ungewollt schütter, nasal gepresst und nicht wirklich im Ton des jugendlichen Heldentenors. Eine nette Regie-Idee ist dazu, dass Max ganz am Ende den an­drogynen Samiel liebevoll küsst und der Eremit die staunend zu ihm tretende Agathe wieder von ihm wegführt.

          Produktion hört auf die Musik

          Mit der sehr passiv angelegten Figur der Agathe ringt Nerlich merklich, um sie als Seherin und Warnerin aktiver erscheinen zu lassen. Sie bleibt aber die fromme, keusche Jungfrau, deren reine, einfache Melodien Nadja Stefanoff im Charakter genau trifft. Auch Samiel wird dadurch besänftigt und gleicht sich ihr samt der klassischen blonden Agathe-Perücke brav an.

          Solche Momente zeigen sogar die Stärke der Produktion besonders: Sie hört auf die Musik. Wenn indes dem lebensfreudigen Ännchen (ideal: Julietta Aleksanyan) in Gestalt von Samiel erotische Fantasien angetanzt werden, so passt das erstaunlich gut.

          Dem ausgemachten Bösewicht Kaspar hätten auf diese Weise vielleicht noch ein paar mehr Facetten oder Zweifel zugewiesen werden können. Auf jeden Fall aber verleiht Derrick Ballard der Partie eine sonore, dunkle Bassstimme und der Figur eine starke Bühnenpräsenz.

          Auf die dunklen Farben der Musik achtet auch Generalmusikdirektor Hermann Bäumer mit dem gut disponierten Philharmonischen Staatsorchester besonders, zugleich aber auf einen schlichten, volksliedhaften Ton.

          Der berühmte Jägerchor klingt so eher entspannt als martialisch schmetternd. Der von Chordirektor Sebastian Hernandez-Laverny vorbereitete Chor und der Extrachor des Staatstheaters zeigen sich, nach der langen Zwangspause, ebenfalls bestens disponiert und voll engagiert.

          „Der Freischütz“, nächste Vorstellungen am 28. November um 14 Uhr, am 8. und 21. Dezember um 19.30 Uhr, es gilt 2 G.

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