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„Neues Frankfurter Schulorchester“ : "Wir leben nicht zufällig hier"

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Karl-Marx-Stadt. Tage, bevor der ganze DDR-Laden zusammenkrachte, am 30. Oktober 1989, hat das Kurorchester dort gespielt, der erste und einzige Auftritt in der DDR. Die Ost-Sängerin Barbara Thalheim, mit der Wolff und Bärenz schon zusammen aufgetreten waren, hatte die Band den DDR-Kulturoberen dringend ans Herz gelegt. Aus der geplanten Tournee ist dann doch nichts geworden, auch nichts mit einem Konzert in Ost-Berlin, nur zu einem Auftritt beim "Festival der Begegnung" in Karl-Marx-Stadt, heute wieder Chemnitz genannt, hat es gereicht. Im Interhotel sahen Wolff und Bärenz Ost- und Westfernsehen: auf dem einen Kanal die braven Bilder von der DDR-Geburtstagsfeier mit den alten Herren aus dem Zentralkommitee, auf dem anderen die dramatischen Szenen vom Exodus des Volkes Richtung Ungarn und von Protestdemonstrationen. Aufruhr lag in der Luft, und Hochspannung herrschte im Konzert, vor allem bei Stellen, an denen von Freiheit die Rede war. "Räuberhausmusik" hieß Wolffs Version von den Bremer Stadtmusikanten, in welcher der Esel feststellt: "Etwas Besseres als den Tod findest du überall." Wie so oft haben Wolff und Bärenz auch diese Geschichte in einem schrägen Witz aufgelöst: "Kommt rein und singt weiter!", fordern die Räuber zum Schluß die Stadtmusikanten auf. War das Publikum damals in Chemnitz gebannt, so war es ein Jahr später, die beiden Deutschländer hatten sich gerade vereinigt, geradezu euphorisch. Weltgeschichte im Sausewind.

Santiago de Chile. Auch dort war "Heinrich Heine in concert" - mit den Solisten Frank Wolff und Anne Bärenz. Luisa, die damalige Bibliothekarin des Goethe-Instituts, hat die Verse Heines neu ins Spanische übersetzt und vorgetragen. Das Konzert im dortigen Goethe-Institut war eines der schönsten, das sie je gegeben hätten, schwärmen Bärenz und Wolff noch heute. Dabei sind sie mit ihrer Heine-Produktion doch durch die ganze Welt gereist: Argentinien, Paraguay, China, Sibirien, ganz Osteuropa, auch Frankreich oder die Niederlande. Am besten klingt Heine in polnisch, hat Bärenz auf dieser Riesentournee festgestellt.

Die Frankfurter Buchmesse, die das Heine-Programm in Auftrag gegeben hatte, ist nicht zufällig auf Wolff und Bärenz verfallen. Schon von ihrer ersten Produktion an haben die zwei Musiker in ihre Konzerte auch Literatur integriert, Gedichte von Ernst Jandl etwa. Der war von Anfang an einer ihrer Favoriten, hat sogar zweien ihrer Programme, "Tohuwabohu" und "Bestiarium", den Titel geliehen. Neuerdings lassen sich Wolff und Bärenz von den Dichtern der Neuen Frankfurter Schule inspirieren, von Gernhardt etwa oder F.W. Bernstein. Nicht ohne Grund trägt das Schulorchester den Zusatz "Neues".

Wackersdorf in der Oberpfalz. Großdemonstration gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage, Anti-WAAnsinns-Festival in Burgenlengenfeld am 26. und 27. Juli 1986. Es spielten: Herbert Grönemeyer, Die Toten Hosen, Udo Lindberg, Rio Reiser - und das Frankfurter Kurorchester. 80000 Zuhörer, vor einem derart großes Publikum haben Wolf und Bärenz erst einmal im Leben gespielt. Gegenüber Lindenberg und Grönemeyer natürlich außer Konkurrenz, und trotzdem hat das Kurorchester, vier Musiker im Frack, sich behauptet. Zuerst mit einem fetzigen Rolling-Stones-Song, bei der Zugabe mit einem langsamen Bach-Stück.

Sie können es also auch: ein Riesenpublikum mitreißen, fetzig-eingängige Musik machen. Wollen Frank Wolf und Anne Bärenz aber nicht. Zumindest meistens nicht. Die künstlerische Entdeckungsreise ist ihnen wichtiger als der kommerzielle Erfolg. Keine Plattenfirma soll ihnen vorschreiben, was sie zu machen haben, kein Agent sie in eine Schmalspur drängen. Ausprobieren, experimentieren, riskieren: Von diesem Weg lassen sich die beiden Frankfurter Vorzeigemusiker nicht abbringen. Als das Kurorchester seinen innovatorischen Schwung verloren hatte, haben Bärenz und Wolf es kurzerhand aufgelöst und als Schulorchester neu angefangen. Es wird vermutlich nicht der letzte Anfang gewesen sein. (Das "Neue Frankfurter Schulorchester" ist in einer Dreierformation mit Frank Wolff, Anne Bärenz und Markus Neumeyer am Samstag um 20 Uhr im Günthersburgpark zu hören. Eintritt wird nicht erhoben. Das neue Programm "Shanghai-Show" ist jetzt auf Platte erschienen. Sie wird exklusiv von der Büchergilde Gutenberg vertrieben.) HANS RIEBSAMEN

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