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Autorin Petra Hardt : Die Gleichzeitigkeit der Liebe

Ihre Familie wird bald wieder in Deutschland leben: Mit Blumen erwartet Petra Hardt ihren Sohn Moritz am Frankfurter Flughafen. Bild: Helmut Fricke

Petra Hardt hat einen schmalen Band zwischen Erinnerungen, Essays und Szenen geschrieben. Er heißt so wie das, was die Autorin schon konnte, bevor Corona es vielen aufgezwungen hat: das „Fernlieben“.

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          Wenn Petra Hardt in einem Konzert in der Alten Oper sitzt, was sie jetzt wieder öfter tun kann, mag sich das anders anfühlen als für andere. Ein bisschen mehr heimatlich. Erst recht wenn die Alte Oper nun das Jubiläum ihres Wiederaufbaus feiert. Schließlich hat Hardt dazu beigetragen. Sie ist, als Quintanerin des Gagern-Gymnasiums, mit der Sammelbüchse wochenlang durch Bornheim gezogen, um für den Wiederaufbau des Opernhauses zu sammeln. Als eines der 500 Kinder, die am meisten für den Wiederaufbau gesammelt hatten, nahm sie an der Siegerehrung mit Galakonzert teil.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Dass der erste Preis des Spendenwettbewerbs, ein VW Käfer, an die Söhne eines Chefarztes ging, die im Sachsenhäuser Villenviertel höchst einträglich sammelten, während sie in Bornheim, wo damals eher wenige Opernfans lebten, um jeden Groschen treppauf, treppab lief, schildert sie mit Witz, nicht um ihr Verdienst herauszustreichen, es ist Teil der Atmosphäre jener Zeit. Die Erinnerung an das Frankfurt der Sechzigerjahre haben viel frischere Erinnerungen ausgelöst. An all das, was den Enkelkindern im fernen Berkeley an Bildung zur Verfügung steht.

          In dem guten Jahr, in dem sie selbst, wegen Corona, nicht wie üblich hatte lange Phasen dort verbringen können, in dem die Sehnsucht so groß geworden ist wie nie, hat Petra Hardt einen schmalen Band zwischen Erinnerungen, Essays und Szenen geschrieben, der so heißt wie das, was sie schon konnte, bevor Corona es vielen aufgezwungen hat: das „Fernlieben“. Den Begriff hat sie von dem befreundeten Soziologen Ulrich Beck.

          „Fernlieben beginnt beim Skypen und setzt sich an den Flughäfen fort“, heißt es bei Hardt. Und weil sie, mit den beiden ersten Enkelkindern in Amerika, schon immer eine Skype- und Reise-Großmutter gewesen ist, kann sie beschreiben, was den Unterschied macht, wenn höhere Gewalt und nicht ein erfolgreiches Berufsleben dafür sorgt, dass man nicht immer bei der Familie sein kann. Was so anders ist als in der eigenen Kindheit. Und im anderen Land. In Berkeley erfährt sie, wie unterschiedliche Räume und Zeiten sich auf ihre Identität auswirken. Als Familienmensch, aber eben auch Europäerin und Geisteswissenschaftlerin, Buchmensch durch und durch. Und, Jahrgang 1954, Teil der Älteren.

          Im Dienst der Besten

          „Fernlieben“ ist als Insel-Buch erschienen, in einem der beiden Verlage also, deren Erfolg Hardt gute 30 Jahre lang mit verantwortet hat. Als Rechtechefin des Suhrkamp Verlags hat die Frankfurterin, ausgebildete Romanistin, die Schätze des Verlags gehütet und gemehrt. Längst ist sie selbst eine gut vernetzte Legende in der internationalen Verlagsszene. „Ich hatte mich in den Dienst der Besten zu stellen“, sagt sie schlicht, wenn sie über ihre Karriere spricht. Was auch erklärt, dass sie, in diesem Beruf stehend, niemals das Bedürfnis oder die Zeit hatte, selbst zu schreiben, bis auf ein Handbuch zum internationalen Rechtehandel.

          Zunächst unwillig, ist Hardt 2010 mit Suhrkamp nach Berlin umgezogen, nun vermisst sie das umtriebige und so stark von der Kultur geprägte Klima der Hauptstadt. Und knüpft neu an die Kulturszene und die Freundschaften in Rhein-Main an. „Ich muss den Raum zurückerobern“, sagt sie, und da schimmert auch der Fußballfan durch, der mit dem Vater schon als Kind im Waldstadion war.

          Corona verschiebt die Koordinaten

          Im Ruhestand ist sie wieder in die Gegend ihrer Kindheit gezogen. Von Mannheim, ihrem jetzigen Wohnort, flitzt sie regelmäßig nach Frankfurt, ihrer Heimatstadt. Ein Sohn lebt hier, der größere Teil der Familie aber künftig südwestlich. Auch das, mutmaßt sie, ein Effekt der Pandemie, die die Koordinaten verschoben habe. Womöglich hätten der älteste Sohn und seine Familie sich sonst nicht entschieden, nach einem guten Jahrzehnt in den Vereinigten Staaten wieder nach Deutschland zu kommen.

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          Und Hardt, die vier Jahrzehnte lang, erst bei Athenäum und Luchterhand und dann, seit 1994, bei Suhrkamp die internationalen Rechte und Lizenzen verantwortet hat, die dafür gesorgt hat, deutsche Autoren in alle Welt zu vertreiben und internationale Belletristik und Sachbücher für den Suhrkamp Verlag zu gewinnen, ist nun selbst dort Autorin, vertreten von ihrer Nachfolgerin in der Rechteabteilung.

          2019 ist sie mit Aplomb von der Buchmesse verabschiedet worden. Ein Witz, beinahe, dass sie im ersten Jahr des Ruhestands erleben musste, dass die Rechte-Rallye, wo sie, eine zierliche und ungeheuer energiegeladene Person, wie eine Königin der Meetings wirkte, wegen Corona nicht wie üblich stattfand. Nun schreibe sie „so vor mich hin“, Kurzgeschichten entstehen, ein Romanprojekt, ihr Agent reagiere überaus positiv. Sie sei „sehr dankbar, dass der Insel Verlag dieses so persönliche Buch veröffentlicht“ habe. Nun sei es aber auch genug mit dem autobiografischen Schreiben, schiebt sie in ihrer gewitzten Art hinterher, die ihr Schreiben prägt. Genug ist es auch mit dem „Fernlieben“ selbst. Noch ein paar Monate, dann sind alle drei Kinder von Petra Hardt wieder in Deutschland. Und sie wird nicht, wie sonst mehrmals im Jahr, selbst aus Frankfurt abfliegen oder dort jemanden in Empfang nehmen. Nur noch einmal wird sie bald am Terminal ihrer Heimatstadt stehen, mit Blumen für ihre Kinder und Kindeskinder.

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