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Neuer Konzertkubus im Rheingau : Vielleicht demnächst in Frankfurt

Im Cuvéehof von Schloss Johannisberg ist der Konzertkubus entstanden (unser Bild zeigt die Aufbauarbeiten). Bild: Samira Schulz

Derzeit noch im Bau: Der mobile Konzertkubus auf Schloss Johannisberg soll später auch andernorts „Botschafter des Rheingau Musik Festivals“ sein. Die Konstruktion in einer Bilderstrecke.

          3 Min.

          Matthias Becker ist auf der Baustelle mit Rat und Tat viel gefragt und wirklich „in action“. Wenn der Diplom-Ingenieur, der eigentlich Dirigent werden wollte, mitten im Trubel über sein neues Großprojekt auf Schloss Johannisberg spricht, sprüht er vor Begeisterung: Für das am 26. Juni beginnende Rheingau Musik Festival, für das Becker seit dem Gründungsjahr 1987 tätig ist und inzwischen mit seinem Unternehmen „bst“ alle veranstaltungstechnischen Aufgaben vom Bühnenbau bis zur Ton- und Lichttechnik erledigt, errichtet das Team unter seiner Leitung derzeit den neuen, mobilen Konzertkubus auf Schloss Johannisberg. Es ist neben dem sich in noch ganz anderer Größenordnung bewegenden Casals-Forum der Kronberg Academy aktuell das spannendste Bauprojekt in der Rhein-Main-Region im Dienste der Musik.

          Guido Holze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nun steht schon das auf schweren Betonklötzen lagernde Stahlgerüst für den Konzertsaal mit acht Metern Deckenhöhe, der aus der Corona-Not heraus konzipiert wurde und dessen Bau zur Hälfte mit Mitteln aus dem Förderprogramm „Neustart Kultur“ unterstützt wird. Seine Silhouette fügt sich hinter einer alten Libanon-Zeder dabei erstaunlich gut in den Cuvéehof der Schlossanlage, der rechts des Eingangsportals sonst als Parkplatz mitgenutzt wird.

          Ausgelegt für 1000 Besucher

          Ausgelegt ist der Konzertkubus mit seiner Grundfläche von 900 Quadratmetern, der in seine Einzelteile zerlegt und nahezu allerorts innerhalb von vier Wochen wieder aufgebaut werden kann, in normalen Zeiten für 1000 Besucher, also für 280 mehr als der Mozart-Saal der Alten Oper. Mit den Abständen des sogenannten doppelten Schachbrettmusters werden hier 520 Sitzplätze zur Verfügung stehen, wobei über ein ausgeklügelte Be-und Entlüftungssystem Frischluft vom Boden her eingeblasen und verbrauchte Luft oben abgesaugt wird.

          Nötig geworden sei das Projekt, weil im Fürst-von-Metternich-Saal auf Schloss Johannisberg, den das Festival – neben dem Kloster Eberbach und dem Wiesbadener Kurhaus – als einen seiner Hauptspielorte vor allem für Kammermusik nutzt, unter Corona-Bedingungen nicht mehr wirtschaftlich bespielbar gewesen wäre, erläutert Marsilius Graf von Ingelheim, der das Festival mit seinem Stiefvater, dem Gründerintendanten Michael Herrmann, als zweiter Geschäftsführer leitet: „Wir hätten im Metternich-Saal nicht einmal hundert Besucher unterbringen können.“ Da das Schloss mit dem rückseitigen Blick über Weinberge hinweg zum Rhein hin aber als charakteristischer Festspielort und Podium gerade für junge Künstler unverzichtbar sei, wurde mit Matthias Becker als Ideengeber und vertrautem Partner im vergangenen November der Bau des Fürst-von-Metternich-Konzertkubus beschlossen.

          Hervorragende Akustik

          Eine Besonderheit soll darin die hervorragende, für klassische Kammermusik und sogar Auftritte von kleinen Kammerorchestern bestens geeignete Akustik sein. Dafür zuständig sind Architekten und Fachleute der BBM Akustik Technologie GmbH München, die auch etwa für die Mailänder Scala oder die Oper Sydney tätig war. So werden für den Bau hauptsächlich Naturholz, Glas und Metallwerkstoffe verwendet. Denn eine gewisse Schwere und Resonanzfähigkeit des Materials sei notwendig: „In einem Festzelt wäre das nicht möglich“, erläutert Becker.

          Ein Zelt lasse zudem Klänge oder Geräusche von draußen nach drinnen dringen – und umgekehrt. Wichtig sei in einem Konzertsaal „ein diffuses Klangbild“. Dieser Fachbegriff beschreibt etwas Positives: „Der Zuhörer badet in diesem Klang“. Der von der Bühne ausgehende Schall wird demnach genau berechnet in den Saal gestreut. 1,5 bis 1,9 Sekunden Nachhallzeit würden zudem angestrebt: „Sonst klingt es zu trocken“, sagt Becker. Auch der ansteigende Holzfußboden transportiert den Klang. Zugleich bekommen so alle Zuschauer eine gute Sicht auf die Bühne.

          Gastspiel in Frankfurt angestrebt

          Die weitere große Besonderheit ist der „fliegende Bau“ an sich. Die 200 Tonnen Material könnten in etwa 30 Lastwagen transportiert werden. Graf von Ingelheim will den Kubus so als „Botschafter des Festivals“ etablieren: „Wir würden damit gerne mal nach Frankfurt kommen oder nach Nordhessen“. In Frankfurt könne er sich etwa das Gelände der Weseler Werft als Standort vorstellen, für ein mehrwöchiges Programm zum Beispiel zur Frühlingszeit. Ein anderes Festival habe schon angefragt, ob es den Kubus mieten könne.

          Momentan gehört der Kubus noch Matthias Beckers Firma bst, finanziert zur Hälfte aus Mitteln des Förderprogramms. Die vom Festival gezahlte Miete wird nach Art eines Leasing-Modells angerechnet. Nach dem Endes des Festivals am 5. September kaufe dieses dann den Kubus, so dass es für den Bau insgesamt 400.000 bis 500.000 Euro aufbringe. Für Graf von Ingelheim ist es „ein Leuchtturmprojekt und ein Hoffnungszeichen für die gesamte Kulturbranche“.

          Das erste Konzert im Kubus gestaltet am 1. Juli die Pianistin Gabriela Montero. Weitere Informationen unter www.rheingau-musik-festival.de.

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