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Frankfurter Senckenberg-Museum : Mit dem Wal ganz nach unten

Finster, mit leuchtenden Lebewesen und einem Riesenkalmar, der über den Köpfen der Besucher schwebt: Die neue Dauerausstellung im Senckenberg-Museum Bild: Senckenberg/ Sven Tränkner

Eine Simulation lädt zum Tauchgang ein: Mit zwei neuen Räumen zeigt das Senckenberg-Museum in Frankfurt nicht nur die Faszination der Tiefsee. Es geht auch darum, wie die Zukunft des Hauses aussehen soll.

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          Zwischen 500 und 1000 Metern Tiefe ertönt dieses Geräusch, das man aus alten Jules-Verne-Verfilmungen kennt. Oder aus „Das Boot“. Ein Glucksen und ein metallisches Knirschen, der Druck steigt, die Temperatur nimmt ab, es wird immer düsterer. Nicht wirklich natürlich: In einem geräumigen blauweißen Container mit dem reizenden Namen „Bembel Frankfurt 11.000“ können die Besucher des Senckenberg-Museums jetzt so tun, als säßen sie im Pilotenstand eines Tauchroboters. Per Joystick wird gesteuert, und jeder kann Quallen, Glaskopffische oder Quastenflosser aufspüren, in der Tiefsee.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn dorthin führt die neue Dauerausstellung in zwei komplett umgebauten Räumen des Museums und in eine Welt, die nicht umsonst „Nasse Weltraumforschung“ genannt wird. Rund 70 Prozent der Erde sind von Meer bedeckt. Und dessen größter Teil, die Tiefsee, ist weit weniger bekannt als die Rückseite des Mondes, wie Senckenberg-Generaldirektor Volker Mosbrugger sagt. Nur etwa 20 Prozent der dort vorhandenen Arten sind bekannt, 250 000. Kartiert sind bislang nur knapp zehn Prozent des Meeresbodens – obwohl die Begehrlichkeiten des Menschen nach den Rohstoffen von dort unten groß sind. Und Forscher des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel, Partner für Senckenberg bei dieser Ausstellung und in der Forschung, haben schon vor fünf Jahren bei einem Roboter-Tauchgang Plastikmüll aus der Tiefsee geborgen.

          Der Mensch ist also schon längst da, in dieser unerforschten Welt. Das symbolisiert nun auch eine Cola-Dose aus dem weichen beigefarbenen Meeresboden, der im Dunkel der neuen Abteilung Tiefsee geradezu einen Lichtblick darstellt. Die Inszenierung ist wissenschaftlich präzise und spektakulär zugleich: In einer Vitrine etwa zeigen Nachbauten und Filme, wie im Lauf von Jahren und Jahrzehnten ein Walfall, also das Absinken eines toten um die zehn Tonnen schweren Wals erst Schlafhaie und Schleimaale, dann Asseln und zuletzt Zombiewürmer und Bakterien nährt, bis ein allerletzter Rest anorganischen Materials zur Basis eines neuen Riffs am Meeresboden werden kann.

          Gleich nebenan ein Korallenriff

          Fische, die aussehen, als hätten sie drei Beine, von selbst tiefblau leuchtende Alarmquallen, die von den Besuchern testweise an- und ausgeschaltet werden können, riesige Röhrenwürmer und natürlich der Komoren-Quastenflosser tauchen aus dem Dunkel der Ausstellung auf. 1938 ist ein Exemplar in Südafrika gefunden worden, erst 1987 konnten Aufnahmen eines Quastenflossers in fast 200 Meter Tiefe gemacht werden – mit dem Tauchboot Geo. Auch Geo, das jüngere Gefährt Jago und die Geschichte der Meeresforschung ist nun im Museum zu sehen. Man lernt: Um die Tiefsee zu erforschen, braucht man Hightech-Gerätschaften, die Marssonden und Mondfahrzeugen in nichts nachstehen. Und man findet höchst rätselhafte, teilweise ziemlich bizarr aussehende Wesen, von denen nur ein winziger Bruchteil bekannt ist.

          Für echtes Tiefseegefühl im Senckenberg-Museum muss es natürlich finster sein. Bilderstrecke
          Neue Dauerausstellung : Dort, wo nur die Fische leuchten

          Gerd Hoffmann-Wieck von Geomar Kiel, Kollege von Kurator Thorolf Müller, erläutert zur Eröffnung höchstselbst, wie zahlreiche weitere Geomar- und Senckenberg-Forscher in den Videos der Ausstellung, was die ausgestellte Technik kann, was Forscher im Labor und auf See tun und wie sie versuchen, Zusammenhänge zu schaffen, die auch auf drängende Fragen nach der Zukunft der Erde Antworten finden könnten. Zum Beispiel der Senckenberg-Wissenschaftler Torben Riehl, der seit zehn Jahren an einer millimeterkleinen Assel aus dem Tiefsee-Boden forscht, auch um mehr über die Bedingungen für die reiche Artenvielfalt in diesem nur aus Menschensicht unwirtlichen Lebensraum herauszufinden.

          Aktuelle Forschung mit Vermittlung zu verbinden ist das Ziel von Senckenberg. Die beiden neuen Räume sind so auch der Ausweis dessen, was das „Neue Museum“, an dem die Senckenberg-Gesellschaft im Betrieb weiterbaut, leisten soll. Ein Begleitbuch, das mit vielen Bildern den aktuellen Stand der Forschung allgemeinverständlich erklärt, und ein Malbuch für Kinder sind schon erschienen. Bis Jahresende soll eine Neupräsentation zum Thema Flüsse eröffnet werden, und der Taucher im neuen Raum Meeresforschung wirft nicht umsonst eine Schnur nach einer kleinen Koralle aus: Im Sommer 2021 soll gleich nebenan ein Korallenriff diesen bedrohten Lebensraum nahebringen. Noch dieses Jahr, verspricht Mosbrugger, sollen weitere Museumspläne und deren Finanzierung bekanntgegeben werden.

          Die Ausstellung wird am Donnerstag um 18 Uhr mit einem Live-Stream eröffnet und ist im Rahmen des Museumsbesuchs zugänglich.

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