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Neue Stadtschreiberin : „Ohne Distanz gibt es keine Kunst“

  • -Aktualisiert am

Will sich in Bergen Geschichten der Bürger erzählen lassen: Die frisch gekürte Stadtschreiberin Anne Weber Bild: Aders, Hannah

Die neue Stadtschreiberin von Bergen, Anne Weber, wird nicht viel Zeit in ihrem Stadtschreiberhaus verbringen. Doch hat sie eine besondere Idee.

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          Anne Weber liebt es, in der Nacht zu schreiben. „Besonders wenn im Nebenzimmer ein lieber Mensch von mir liegt und schläft.“ Wenn Weber ihre Bücher verfasst, braucht sie Ruhe – die sie in Bergen-Enkheim sicher finden wird. Am Freitag ist ihr der Schlüssel zum Stadtschreiberhaus an der Oberpforte übergeben worden. Die 55 Jahre alte Schriftstellerin erhält den Literaturpreis Stadtschreiber von Bergen, der in diesem Jahr zum 47. Mal vergeben wird. Dotiert ist die Auszeichnung mit 20.000 Euro und einem einjährigen Aufenthalt im Stadtschreiberhaus in Bergen-Enkheim.

          Weber verfasst ihre Bücher zweisprachig: Ihre ersten drei Bücher hatte sie auf Französisch geschrieben, bevor sie sie ins Deutsche übersetzte. Weber, die in Paris studiert hat und auch als Übersetzerin arbeitet, kann sich dieses Vorgehen selbst nicht genau erklären. „Man macht oft Dinge, ohne sich dabei zu hinterfragen.“ In einer anderen Sprache zu schreiben sei aber wichtig für ihr literarisches Schaffen. „Der Umweg über eine Fremdsprache schafft Distanz zwischen der eigenen Person und dem Werk“, sagt Weber. „Ohne Distanz gibt es keine Kunst.“ Jahre später erst hat Weber angefangen, ihre Bücher in der ersten Fassung auf Deutsch zu schreiben.

          Familie und Nostalgie

          Ihr jüngstes Buch „Annette, ein Heldinnenepos“ handelt von der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir. „Annette, ein Heldinnenepos“ hat es auch auf die diesjährige Longlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. Ihre Nominierung hat Weber überrascht: „Da mein Buch in Versform geschrieben ist“ – das habe sie eher für ein Hindernis in einem solchen Wettbewerb gehalten.

          Als Weber erfuhr, dass sie die neue Stadtschreiberin werden würde, sei sie vor Freude an die Decke gesprungen, wie sie sagt. Sie ist in Offenbach aufgewachsen, ihre Mutter lebt bis heute noch dort. Sie freue sich daher besonders „aus familiären und nostalgischen Gründen“, den Stadtschreiberpreis ausgerechnet in Frankfurt gewonnen zu haben – und nicht etwa in Rostock oder anderswo. Den Preis verbinde sie hauptsächlich mit dem siebten Stadtschreiber Peter Bichsel und Adrienne Schneider, langjähriges Mitglied der Jury. Beide beschreibt sie als „anziehende Personen“.

          Besondere und Beglückende Geschichten

          Weber weiß allerdings jetzt schon, dass sie nicht sehr viel Zeit im Stadtschreiberhaus verbringen wird. Sie wohnt mit ihrem Mann schon lange in Paris. „Da ist es schwer, getrennt zu sein.“ Sie könne es sich aber vorstellen, „immer mal wieder, für eine kürzere Zeit“, in Frankfurt zu verbringen. Diese Zeit wolle sie auf eine besondere Art nutzen: Weber plant eine individuelle Sprechstunde für die Bergen-Enkheimer. Jeder aus der Ortschaft sei zu Weber eingeladen und könne ihr eine Geschichte erzählen.

          Erzählt werden sollen aber keine Geschichten, die man selbst erlebt hat: Weber will Geschichten hören, die von den Leuten aufgeschnappt worden und seitdem in Erinnerung geblieben sind. An diesen Geschichten müsse es „was Besonderes oder Beglückendes“ gegeben haben, sagt Weber, so dass sie sich eingeprägt haben. Was aus den Geschichten werden könnte, lässt sie noch offen. „Klar ist, dass ich sie nicht einfach so runterschreiben werde.“ Dafür brauche es keine Autorin. Sie verbindet die geplanten „Sprechstunden“ mit einer weiteren Hoffnung: „Vielleicht entsteht dadurch eine Begegnung zwischen mir und einem Bergen-Enkheimer oder einer Bergen-Enkheimerin.“

          In den vergangenen Monaten sei es bei ihr nicht zu vielen Begegnungen gekommen. Kurz nachdem ihr Buch im Februar erschien, kam der Lockdown. Diese Zeit verbrachte sie in Paris und an ihrem Rückzugsort in der Normandie. Weber berichtet von Bekannten, die der Meinung waren, die Pandemie ändere bei Schriftstellern nicht viel, da sie sowieso allein zu Hause arbeiteten. „Es macht aber einen Unterschied, ob ich zwangsweise zu Hause sitzen muss oder es mir selbst aussuche.“ Sie könne aber noch nicht sagen, ob Corona ihr literarisches Schafften direkt beeinflusst habe. Trotzdem mache sie sich Gedanken darüber, wie die Pandemie die Gesellschaft und das Zusammenleben beeinflussen wird. „Die Distanz und den anderen als Bedrohung wahrzunehmen – das macht Angst.“

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