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Herbstsaison der Kunst : Schöne Töne und der Deutschen Lieblingsmaler

Wiederaufnahme: Idomeneo an der Oper Frankfurt Bild: Barbara Aumüller

Die neue Saison der darstellenden und bildenden Kunst in Frankfurt beginnt: Mit Rossini und Hauptmann gibt es erste Bühnen-Höhepunkte, das Städl Museum zeigt Vincent van Gogh. Eine Ausstellung sollte aber nicht kurz kommen.

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          Noch ist die Festspielzeit nicht ganz zu Ende, in Bayreuth und Salzburg wird noch gespielt und geschwitzt, da hat auch an der Frankfurter Oper der Spielbetrieb schon wieder begonnen. Bei spätsommerlich hohen Temperaturen könnten durchaus auch bei Händels „Radamisto“, mit der die Saison in dieser Woche eröffnet wurde, Festivalgefühle aufgekommen sein, und wahrscheinlich wird dies auch bei „Idomeneo“ der Fall sein, Mozarts Oper in der Regie von Jan Philipp Gloger, die am 31. August wiederaufgenommen wird. Als erste Premiere im Frankfurter Musiktheater steht dann Rossinis „Otello“, eingerichtet von Damiano Michieletto, am 8. September auf dem Programm. Ein erster Leckerbissen für Freunde der Wohlgesangs und solche, die es werden wollen: Der Meister des Belcanto lässt drei Tenöre agieren, allein das ist schon sehr speziell, und die Schreiber des Librettos hielten sich nicht wirklich an Shakespeares Text, indem sie nicht so sehr die Eifersucht des Titelhelden herausstellten als vielmehr die Auseinandersetzung Desdemonas mit ihrem Vater.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Am kommenden Sonntag aber laden die Städtischen Bühnen am Willy-Brandt-Platz erst einmal zum Theaterfest ein, von elf Uhr an gibt es ein umfassendes Programm mit Blick hinter die Kulissen und in die Werkstätten. Die Spielzeit 2019/20 des Schauspiels beginnt erst danach, mit Gerhart Hauptmanns Stück „Die Ratten“, das in der Inszenierung von Felicitas Brucker am 6. September Premiere feiert. Ein moderner Klassiker, ein Meisterwerk des realistischen Dramas, dessen Dialoge auch ohne Aktualisierung noch immer ihre Wirkung nicht verfehlen. Aber die Suche der Personen dieses Stücks nach einem kleinen bisschen Glück, das von den Bedingungen, unter denen sie leben, stets bedroht ist, lässt sich auch ins Hier und Heute übertragen, nur dass vielen die Bedrohungen globaler und unfassbarer erscheinen mögen.

          Monumentale Wandteppiche: Hannah Ryggen, Life Passes By, 1939
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          Auch in den Museen stehen die Zeichen im Spätsommer auf Neustart. Neue Ausstellungen werden eröffnet, darunter eine, die sich mit ziemlicher Sicherheit als Publikumsmagnet erweisen wird und fraglos den Höhepunkt des Frankfurter Ausstellungsjahres bildet. Für „Making van Gogh“, vom 23. Oktober an im Frankfurter Städel Museum zu besichtigen, kann man jetzt schon online Tickets erwerben. Tag und Uhrzeit des Besuchs können derzeit noch frei bestimmt werden, Wartezeiten an den Kassen lassen sich dadurch vermeiden, das Museum empfiehlt, die Ausstellung unter der Woche am späten Nachmittag oder frühen Abend anzuschauen. Donnerstags und freitags gelten verlängerte Öffnungzeiten bis 21 Uhr.

          Um Enttäuschungen vorzubeugen: Wenn es um Namen wie van Gogh geht, ist es für alle Ausstellungsinstitutionen dieser Welt äußerst schwierig, öffentliche Sammlungen dazu zu bewegen, ihnen ganz berühmte Gemälde auszuleihen. Allein die Transport- und Versicherungskosten sind derart horrend, dass man sich auf einzelne Werke beschränken muss. Dennoch gibt es in der Schau etliche echte van Goghs zu bewundern, darunter die Selbstbildnisse aus dem Art Institute in Chicago und dem Kröller-Müller Museum in Otterlo, die Darstellung der „Berceuse Augustine Roulin“ von 1889 aus dem Amsterdamer Stedelijk Museum sowie die „Segelboote am Strand von Les Saintes-Maries-de-la-Mer“ aus dem Jahr 1888, das aus dem Van Gogh Museum aus derselben Metropole stammt. Da sich die Schau jedoch mit dem großen Interesse an van Gogh beschäftigt, das deutsche Künstler, Sammler, Galeristen, Museumsleute nach dessen Tod zu glühenden Verehrern und Propagandisten seines OEuvres werden ließ, sind auch erstklassige Werke etwa von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Paula Modersohn-Becker, Gabriele Münter oder Max Beckmann zu sehen.

          Aus dem Schatten ihres Mannes

          Bei aller Van-Gogh-Euphorie sollte aber eine andere Ausstellung nicht zu kurz kommen, die einer der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts Gerechtigkeit widerfahren lässt. Vom 11. Oktober an zeigt die Schirn Kunsthalle eine Retrospektive auf das Werk von Lee Krasner, einer Pionierin des abstrakten Expressionismus, die lange im Schatten ihres Mannes Jackson Pollock stand. Dabei ist der Einfluss, den sie auf seine Arbeit nahm, immens, und manche Erfindung, die ihm zugeschrieben wurde, geht auf sie zurück. Höchste Zeit also, sich ihrem Werk zu widmen, das nach Pollocks Tod noch einmal ganz neue Wendungen nahm.

          Die Reihe der Herbstausstellungen in der Schirn beginnt jedoch schon am 26. September mit einer Schau, in der Textilarbeiten der norwegisch-schwedischen Künstlerin Hannah Ryggen (1894 bis 1970) gezeigt werden, eigenwillige Arbeiten, monumentale Wandteppiche, deren Ästhetik seinerzeit quer zum modernen Mainstream stand. Auch inhaltlich ist ihr Werk bemerkenswert, denn sie attackierte darin Hitler, Mussolini und Franco, bezog Stellung gegen Faschismus und Nationalsozialismus. Diese Präsentation ist Teil des Ehrengastauftritts von Norwegen auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Und verspricht eine Entdeckung, die sich lohnt.

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