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: Neue Leiden des jungen W.: Goethe am Staatstheater Darmstadt

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Irgendwo zwischen Erstickungskrampf und Brechreiz würgt Werther den unerträglichen Namen hervor. Stakkatoartig stottert er den Anfangsvokal, mit zugeschnürter Kehle. Dann ist er ausgespuckt, dieser Satz, ...

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          Irgendwo zwischen Erstickungskrampf und Brechreiz würgt Werther den unerträglichen Namen hervor. Stakkatoartig stottert er den Anfangsvokal, mit zugeschnürter Kehle. Dann ist er ausgespuckt, dieser Satz, der gewiß macht, was als böse Ahnung schon kaum auszuhalten war: "A-a-a-a-a-lbert ist angekommen." Werther (Tino Lindenberg) ist kaum zu sehen, nur eine Taschenlampe setzt das Positionslicht. Unter einer weißen Tischdecke hat er sich in seine Burg geflüchtet. Es ist Nacht um ihn, doch bis der Geist völlig im Dunkeln liegt, vergehen noch einige Tage. Genaugenommen anderthalb Jahre, bis am 23. Dezember 1772 die schweren Worte fallen: "Kein Geistlicher hat ihn begleitet."

          Unbeschwert ist Werthers Einzug: Geradezu lässig schlendert er in die Kammerspiele des Darmstädter Staatstheaters - ein Beau mit Sonnenbrille und gut sitzendem Anzug. Viel ist es nicht, was er mit sich herumschleppt. Eine braune Ledertasche enthält ein paar Habseligkeiten, und die Unterkunft in W. ist ziemlich bescheiden. Ein Stuhl, ein Tisch, fertig ist das Bühnenbild. Doch was braucht einer groß, den die Welt, die ihm vermeintlich zu Füßen liegt, überhaupt nicht interessiert? Die Dinge gelingen ihm, er betört, ist beliebt. Selbst die Natur spurt. Ein Schnipsen, und die Meisen zwitschern vom Band. Werther hat einen kleinen Höhenflug. Und doch ist ihm die bürgerliche Gesellschaft mit ihren Zwängen und Regeln zuwider. So liegt er da, die Beine weit von sich gestreckt, den Kopf an das Stuhlbein gelehnt, und nur Homer bewegt sein Herz. Doch das Selbstgenügen ist brüchig. Das Gleichgewicht kippt am 16. Juni 1771. Die Begegnung mit Lotte versetzt ihn in den leidenschaftlichsten Glückstaumel. Die demonstrative Nonchalance weicht Ungeduld und Schwärmerei. Werther braust über die Bühne.

          Andrea Thiesens Werther - die erste Inszenierung der jungen Regisseurin am Staatstheater - steht 75 Minuten lang allein auf der Bühne. Nur vereinzelt sendet die Außenwelt Signale in die Isolation des Briefeschreibers. Hufegeklapper begleitet die Schilderung einer Kutschfahrt. Die Erinnerung an Lottes Klavierspiel untermalen zarte Töne, zu denen Lindenberg auf der Klaviatur der Tischdecke gedankenverloren klimpert. Es ist dieser mitunter komische Einzug der Wirklichkeit, vom Schauspieler durch ein Fingerschnipsen aktiviert, die einen angenehmen Kontrapunkt zur reinen Ichbezogenheit des texttreu schwärmenden Gemüts setzt. Lindenberg erweist sich als Origami-Talent, wenn er aus einem Bogen Papier einen Schattenriß bastelt, den er an die Bühnenwand heftet. Lotte ist darauf nicht eben eine Schönheit, ihre Verklärung wird ironisiert durch einen ordentlichen Zinken in ihrem Gesicht.

          Noch einmal ruft sich der an unerfüllter Liebe Leidende zur Vernunft und versucht, sich durch eine Anstellung am Hof Struktur zu geben, den Schattenriß im Gepäck. Die Übung mißlingt völlig. Die Unfreiheit der bürgerlichen Verhältnisse, die Monotonie der Arbeit setzt Thiesen als Fließbandszene am Schreibtisch um. Wie ein Akkordarbeiter klappt Werther den Aktendeckel auf und zu, donnert den Stempel im eintönigen Rhythmus wuchtig auf die Seiten. Bis er die Brocken hinschmeißt und mit einem "Ciao. Bye!" schicksalsergeben die Bühne verläßt.

          Nach einer Runde um die Tribüne der Kammerspiele ist Schluß: Die Selbstachtung ist passe, der Tod hält Einzug. Lindenberg nimmt man diesen Kontrollverlust ab. Ein erstes Zeichen ist die Macht über die Geräusche, die ihm entgleitet: Das Fingerschnipsen versagt als Befehlsgeber. Die Natur spurt nicht mehr, das Gezwitscher scheint ihn zu verhöhnen. Erst spät greift er zur Flasche. Und dann bleibt statt des Liebeswunschs die Onanie. Am Ende pustet er einfach eine Kerze aus. Nicht ohne sich vom Schattenriß verabschiedet zu haben. RAINER SCHULZE

          Weitere Aufführungen am 13., 16. und 23. November um 21.30 Uhr sowie am 24. November um 11 Uhr.

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