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Tanztheater : Tanz des Sisyphos

Fallweise: Szene aus „Impetus“ Bild: Andreas Etter

Chaplin lässt grüßen: „Impetus“, fulminantes neues Tanzstück mit Live-Musik in Mainz, und zwei neue „Kreationen“ beim Hessischen Staatsballett.

          3 Min.

          Wir müssen uns Sisyphos als einen tanzenden Menschen vorstellen. Ob er auch glücklich ist, wie Camus behauptet, lässt sich nicht feststellen. Man hätte mehr Lächeln erwartet, mehr Augenblitzen dieser 18 Sisyphosse, schließlich wird so viel geflogen, jeder Körper von so vielen Armen himmelhoch in die Luft geschleudert.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Lächeln des Fliegens aber scheint einem tüchtig zu vergehen, nicht nur, weil das Die-Rampe-Herabrollen und Herumkobolzen, das Tragen der Last eines anderen gute 70 kraftzehrende Minuten lang durchgehalten werden muss. So lang dauert die erste abendfüllende Choreographie zu Live-Musik von Maria Campos und Guy Nader, die in Deutschland bis vor kurzem so gut wie niemand kannte. Dann kam, 2016, das Staatstheater Mainz, das bei ihnen „Fall Seven Times“ als Teil eines Doppelabends bestellte. Und dann der deutsche Theaterpreis „Faust“ für dieses fulminante Stück des in Barcelona ansässigen Paares.

          Das Ganze hat Schwung

          Es spricht für den Mainzer Tanzdirektor Honne Dohrmann und den Intendanten Markus Müller, dass sie Campos und Nader schon lange zuvor für ihre jetzige Uraufführung das gesamte Tanzensemble, das Große Haus und das Staatsorchester unter Generalmusikdirektor Hermann Bäumer zugesagt hatten. „Impetus“ heißt, was herausgekommen ist, „Schwung“ und „Beweggrund“ in einem Wort.

          Schwung hat das Ganze allemal, hebt langsam, erst mit Stille an, breitet sich zu pulsierender Streichermusik von Antanas Rekašius, dann John Adams’ „Shaker Loops“ und Jurgis Juozapaitis’ „Perpetuum mobile“ aus zu einem musikalisch abgestimmten Feuerwerk an Fall und Sprung, dem mehr gesetzte Pausen gutgetan hätten. Gefallen, gesprungen, abgerollt wurde schon in „Fall Seven Times“, diesmal hat Lucia Vonrhein eine gefährlich aussehende Schräge auf die Bühne gebaut, mal gleißend, mal diffus von einer Scheinwerferskulptur erleuchtet.

          Erst ein Paar, dann immer mehr Paarungen hieven einander diese Schräge hinauf, rollen wieder hinab – Tanz als Sisyphosarbeit am Nächsten. „Impetus“ hat so etwas wie einen humanistischen „Beweggrund“, es geht um die Frage, wo der Mensch sich vom Tier – vom Kletteraffen auf dem Felsen etwa – unterscheidet und was das mit den modernen Zeiten zu tun hat. Denn wenn die Tänzer sich in einer Schlüsselszene in unaufhörlichen Menschenrädern drehen, sieht das nicht nur spektakulär aus, es erinnert an Chaplins „Modern Times“ und die Zwänge, denen wir unterliegen.

          Doch wie schon bei „Fall Seven Times“ geht auch „Impetus“ nicht physisch, aber substantiell nach drei Vierteln des Wegs die Puste aus: Das Ensemble tanzt dann zu Vivaldis „Sommer“ und „Winter“ weiter mit atemberaubenden Überschlägen vor sich hin, bis alle, am Ende, wieder wie Äffchen auf ihrem Felsen hängen. „Cirque du Soleil“ sagt eine Zuschauerin da, während Vorhang um Vorhang bei standing ovations zu- und wieder aufgeht. Das ist natürlich ein bisschen böse. Aber auch ein klitzekleines bisschen wahr.

          Dennoch vermag dieser Tanz nicht nur Begeisterung, sondern auch Gänsehaut zu erzeugen – was kurz zuvor bei zwei Uraufführungen des Hessischen Staatsballetts in Darmstadt trotz der wundervollen Tänzer nicht recht aufkommen wollte. „Kreationen“ heißt der Doppelabend lapidar, den der gemeinsame Bühnen- und Kostümbildner Thomas Mika zusammenhält, der mit einer düster schimmernden Wand und gewitzten Einbauten maßgeblich Teil am beeindruckend schicken Look der beiden Dreiviertelstunden hat.

          Chaplin als Referenz

          Ebenso vage betitelt ist „Now and Then“ von Alejandro Cerrudo. Wobei er so vage nicht bleibt – und wie seine Kollegen in Mainz Chaplin als Referenz für die Dilemmata der Moderne nimmt: In diesem Fall die Rede aus dem „Großen Diktator“, die als Herzstück eingesprochen wird. Cerrudos Tanz, der humoristisch in einer schaumbekrönten Badewanne beginnt, mag erst nur unterhaltsam wirken, ein Anliegen haben die ansprechenden Massenszenen und detailfreudigen Miniaturen aber wohl, das Düstere kommt nahe, auch wenn die Tänzer nur von Luftballons erschossen werden.

          Cerrudos leichtfüßiger Mix aus Musik, Stilen und Epochen weist, genau betrachtet, mehr Abgründe auf als Jeroen Verbruggens „The Great Trust“ im Anschluss, das einen opulenten Horror-Zirkus mit allerhand psychedelischen Film- und Popkulturzitaten füllt. Die Zirkusprinzessinnen auf Spitzenschuhen aber, die schreiend durch die Manege rennen, nutzen ihren Effekt rasch ab. Warum sie das tun? Nun, sie sind das abgelegte Leben eines Herrn, der, so scheint es, mit dem Rücken zum Parkett intensiv über seinen Selbstmord nachdenkt. Er tut es am Ende doch nicht. Sondern kehrt in die alte Manege zurück – Sisyphos lässt grüßen.

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