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„Neue Deutsche Härte“ : Herr Graf gibt sich die Ehre

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Wie beim Schlager: Zumindest bei den Themen ähneln sich die deutsche Volksmusik und Unheilig. Bild: DPA

Deutsche Gothic war gestern, heute ist „Neue Deutsche Härte“. Die gefällt vielen: Die Band Unheilig im Amphitheater Hanau.

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          Frédéric Prinz von Anhalt, bürgerlich Hans-Robert Lichtenberg, beweist, seit er 1980 gegen eine monatliche Leibrente an die damals hochbetagte Marie Auguste Prinzessin von Anhalt adoptiert wurde, mit schöner Regelmäßigkeit: Adelig werden ist nicht schwer, adelig sein dagegen sehr. Absolut tadelloses Verhalten in der Öffentlichkeit legt hingegen „Der Graf“ an den Tag. Auch wenn „Der Graf“, ehemaliger Optiker aus Aachen, weder adelig von Geburt noch durch Kauf ist. Er unterstreicht mit geschliffenen Manieren, theatralischen Gesten und einer überstrapazierten Mimik nur ein effektvolles Künstlerpseudonym, das zumindest in Ansätzen Adel des Geistes vermuten lassen soll.

          Der „Graf“ also, der sein Alter nicht verrät, erscheint zu seinen Konzerten mit der Band Unheilig in Schwarzweiß, mit Anzug und ordentlich gebundener Krawatte zu makellos weißem Oberhemd und frisch geputzten Schuhen. So arbeitet sich der kahlrasierte Frontmann mit links und rechts der Mundwinkel imposant angeordneten Bartdreiecken auch beim ersten von zwei ausverkauften Gastspielen im Hanauer Amphitheater durch ein griffiges Repertoire: Eine melodramatische Mixtur aus Electro Pop und Heavy Metal mit der abenteuerlichen Bezeichnung „Neue Deutsche Härte“, die so tut, als sei sie innovativ.

          Fernweh, Sehnsucht, Unerfülltes und Verlust

          Tatsächlich bedient sich das Quartett Unheilig geradezu unverfroren aus dem Fundus anderer: Musikalisch inspiriert von Rammstein, Peter Heppner und Deine Lakaien, orientieren sich Textbotschaften an gefühlsduselig geschwollener Lyrik von Pur und Herbert Grönemeyer.

          Immerhin elf Jahre benötigte das Quartett, um sich mit dem siebten Album „Große Freiheit“ vom Gothic-Rock-Geheimtipp zum Chart-Überflieger dieses Sommers zu entwickeln. Früher trug „Der Graf“ gerne die Fingernägel schwarz lackiert, während weiße Kontaktlinsen ihn wie einen Untoten wirken ließen. Ein wenig von diesem morbiden Charme findet sich noch, wenn er mit den Händen Noten in großzügige Gesten verwandelt und dabei an den Stummfilm-Schauspieler Max Schreck in „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ erinnert. Aber nur ein bisschen. Schließlich will sich „Der Graf“ seine neu gewonnene Zielgruppe nicht durch billigen Schauer von vorgestern vergraulen – auch wenn auf schmiedeeisernen Leuchtern aufgereihte Kerzen doch noch an das Vergangene erinnern.

          Statt abseitigem Horror stehen aus der Welt des deutschen Schlagers altbekannte Themen wie Fernweh, Sehnsucht, Unerfülltes und Verlust im Zentrum des Gastspiels. Zum Auftakt ertönt gespenstisch gleich mehrmals ein Nebelhorn, über die in die Bühne integrierte Leinwand flimmert nervös der schwarzweiße Videoclip „Das Meer“ und die sonore Off-Stimme des Kapitäns verkündet vertrauenswürdig: „Nehmen Sie bitte ihre Plätze ein, in wenigen Minuten legen wir ab“. Ebenfalls aus der Konserve stammt wohl auch der eine oder andere Ton des Abends. Doch das hält das nicht nur vom Alter her reichlich gemischte Publikum nicht davon ab, Texte von mittlerweile zu Hymnen gewordenen Nummern wie „Seenot“, „Unter Deiner Flagge“ und „Schenk mir ein Wunder“ Zeile für Zeile zu singen. Beim aktuellen Hit „Geboren um zu Leben“ zur Zugabe kennt die Hysterie des Publikums keine Grenzen mehr. Schließlich begeistert der schmucke „Graf“ mittlerweile auch den schlichten Bürger.

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