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Ausstellung im Museum Giersch : Reichtum und Eheglück dazu

Amor ist mit im Spiel: Conrad Faber von Kreuznach, Doppelbildnis des Justinian von Holzhausen und seiner Frau Anna von Fürstenberg Bild: Städel Museum, Frankfurt am Main

Repräsentative Bildnisse und Schmähungen: Eine Ausstellung im Museum Giersch der Goethe-Universität beschäftigt sich mit Porträts, Sammlern und Sammlungen in der Messestadt von der Renaissance bis zur Aufklärung.

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          Selten so viele honorige Herren mit Allongeperücke gesehen. Die gelockten Massen von Fremdhaar auf dem Haupt verbargen sowohl kahle als auch wunde Stellen, wie sie auch die Syphilis als Nebensymptome verursachte. Der französische Hof hatte die Mode eingeführt, und wenig überraschend angesichts des Vorbildcharakters von Versailles, wurde sie auch in deutschen Landen streng befolgt.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Etwa von den Frankfurter Patriziern, die einer Reihe von Künstlern zu Lohn und Brot verhalfen, indem sie sich von ihnen porträtieren ließen. Die Repräsentation war über viele Jahrhunderte hinweg eine der Hauptaufgaben von bildenden Künstlern. Wohlhabende und einflussreiche Bürger bedienten sich ihres Könnens, um ihr Image zu pflegen und ihre Bedeutung hervorzuheben. Oder den Nachgeborenen ein Mittel an die Hand zu geben, um die Erinnerung an die so edlen und wichtigen Vorfahren aufrechtzuerhalten.

          Die im Schabkunst-Verfahren, das eine besonders realistische Anmutung ermöglichte, ausgeführten Bildnisse hochvermögender Bürger sind Teil einer bemerkenswerten Ausstellung im Museum Giersch der Frankfurter Goethe-Universität. „Die Welt im BILDnis. Porträts, Sammler und Sammlungen in Frankfurt von der Renaissance bis zur Aufklärung“ ist ihr etwas umständlicher Titel. Er möchte wohl darauf hindeuten, dass sich eine ganze Welt auftut, wenn es um die Porträts bestimmter Herrschaften geht. Sie besaßen einst so viel Macht, dass sie bestimmen konnten, was die Welt ist, ihre Welt nämlich, die Welt der tonangebenden Stadtbürger.

          Das allerdings erstaunlichste Exponat dieser Schau ist das sogenannte Kunstbuch von Heinrich Kellner, einem Frankfurter Advokaten und als solcher Berater der Stadt. Er lebte von 1536 bis 1589, sammelte unter anderem Grafiken und klebte sie auf die leeren Blätter zwischen zwei Buchdeckeln. Das Exemplar von 1588, das jetzt im Museum Giersch zu sehen ist, enthält allerlei merkwürdige Bilder, darunter unverhohlen erotische und offen kirchenfeindliche. Eine heraldische Darstellung, ein verbildlichtes Sprichwort, ein missgebildeter Hase: Die Zusammenstellung lässt erahnen, dass derartige Stiche seinerzeit sowohl für Bildung als auch für Unterhaltung sorgten, ein Medium, das weit verbreitet war.

          Oft sollte es zum Ruhm derer beitragen, um die es darauf ging, mitunter aber diente es auch der Schmähung. Wie im Fall von Joseph Süß Oppenheimer, der nach dem Tod des württembergischen Herzogs Karl Alexander, der ihn beschäftigt hatte, einem Justizmord zum Opfer fiel. Seine Hinrichtung und die Zurschaustellung der Leiche in einem Käfig waren Gegenstand grafischer Blätter, die offenbar massenweise im Umlauf waren. Mit einem präzisen Maßstab ausgestattet, der den Betrachtern die Größe des Galgens mit grausamer Genauigkeit vor Augen führte, waren sie dazu angetan, Schauer zu erregen und der Judenfeindlichkeit Nahrung zu geben.

          Es geht um Machtansprüche und Selbstverständnis

          Diese denunziatorischen Kupferstiche stehen in einem schroffen Gegensatz zu den Porträts, die Familien wie die Holzhausens oder Senckenbergs von sich anfertigen ließen, Werke, in denen es um Machtansprüche und ein nach außen, gleichsam in die Öffentlichkeit getragenes Selbstverständnis ging. Das gewiss ästhetisch anspruchsvollste Bild dieser Schau ist das Gemälde von Conrad Faber von Kreuznach, einem deutschen Renaissance-Maler, der 1536 ein Doppelporträt des Justinian von Holzhausen und seiner Gemahlin Anna von Fürstenberg geschaffen hat. Er ist ein Mann von Welt, die Landschaft weitet sich hinter ihm ins Unendliche. Sie aber gehört in die gute Stube, die Butzenscheiben bilden eine Grenze nach draußen, die zu überschreiten sich für eine Frau nicht geziemte. Die Früchte verraten, dass die Tätigkeit beider, ein jeder auf seinem Posten, reichlich Ertrag bringt.

          Aber nicht nur wirtschaftlich geht es den Ehegatten prächtig, es ist die Liebe selbst und nicht der schnöde ökonomische Zweck, der sie verbindet. Das Kind nämlich, dem sie so freundlich zugetan sind, ist Amor, der kleine Liebesgott, seine libellenartigen Flügelchen lassen daran keinen Zweifel. Die Schau, gemeinsam mit der Städel-Kooperationsprofessur und Studierenden am Kunstgeschichtlichen Institut der Goethe-Universität entstanden, beleuchtet eine Periode der Lokalgeschichte anhand von Bildnissen und Beispielen aus der Sammlungstätigkeit von Bürgern. Und sie erzählt von Kuriositäten wie dem Mann, der ein Messer verschluckte, von dem ihn ein kunstsinniger chirurgischer Eingriff befreite. Jedes Zeitalter hatte seine Geschichten, die es immer wieder erzählte. Nur die Medien ändern sich.

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