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Nena in Neu-Isenburg : Fräulein Wunders neue deutsche Erfolgswelle

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Das Verhältnis zwischen Künstler und Fan gilt gemeinhin als fragil, wetterwendisch und von überaus fragwürdiger Halbwertzeit. Gestern noch unbekanntes Talent, heute gefeierter Star, kann morgen schon wieder alles vorbei sein.

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          Das Verhältnis zwischen Künstler und Fan gilt gemeinhin als fragil, wetterwendisch und von überaus fragwürdiger Halbwertzeit. Gestern noch unbekanntes Talent, heute gefeierter Star, kann morgen schon wieder alles vorbei sein. Fallengelassen wie eine heiße Kartoffel, fragt sich so mancher Interpret, so manche Formation, warum sich die einst so überschwengliche Gunst plötzlich in schulterzuckendes Desinteresse gewandelt hat. Eine einschneidende Erfahrung, die auch Susanne "Nena" Kerner und ihre Band machen mußten. Im Sommer 1982 fegte die damals 22 Jahre alte, im westfälischen Hagen geborene Sängerin als fesches Nachwuchstalent im roten Ledermini mit ihren vier Kollegen durch die Kulissen des Bremer TV-Musikladens, sang mit ungeheurem Charme "Nur geträumt" - der Beginn einer märchenhaften Karriere, die auch nicht vor internationalen Spitzenpositionen, Trophäen, Preisen und Edelmetall haltmachte und bis heute sicherlich ihresgleichen sucht.

          Wenige Jahre später dann der Abstieg in die schmachvoll-peinlichen Niederungen des Ausgedienthabens. Ein mit wesentlich anspruchsvollerem Repertoire als zu Glanzzeiten über Dörfer und Kleinstädte ziehendes, hart arbeitendes ehemaliges Idol auf der Straße der Vergessenheit, stetig der Spur folgend, den einstigen Erfolg wieder zu erringen. Über all die Jahre hinweg hält eine kleine, um so eingeschworenere Klientel dem einstigen Medien-Darling der Neuen Deutschen Welle die Treue. Dennoch hätten vor ein, zwei Jahren die wenigsten der Ex-Popikone auch nur die geringsten Chancen auf ein Comeback im großen Stil gegeben. Doch "Wunder geschehen"! 2003 feiert die nunmehr 43 Lenze zählende vierfache Mutter mit der mit Doppel-Platin ausgezeichneten, eigentlich eher mittelmäßigen Album-Retrospektive "20 Jahre - Nena feat. Nena" grandios ihre Rückkehr ins Rampenlicht. Sie ist begehrt wie nie.

          "Es ist schön, daß ihr hier seid... es ist schön, daß ich hier sein darf", bekennt Nena fast schon ein wenig demütig den mehr als zehntausend Fans, die ihrer Einladung gefolgt sind, gemeinsam einen spätsommerlichen Abend im Neu-Isenburger Stadion im Sportpark zu genießen. Ihre sonst so mädchenhaft-lebendige Stimme klingt dabei merkwürdig belegt, so als kämpfe sie mit jenem berühmt-berüchtigten Kloß im Hals, der immer dann im Weg steht, wenn Emotionalität und Aufgeregtheit überhandnehmen. Die beneidenswert jugendlich-schlanke Sängerin mit dem schwarz-rot-blond gefärbten Fransenschnitt weiß ihren neuerlichen künstlerischen Triumph gebührend zu zelebrieren. Von der ersten Minute an überzeugt die in einen dunklen Jeansanzug, ärmelloses T-Shirt, breiten Nietengürtel zu schlichten Turnschuhen gekleidete Pop-Veteranin mit einem clever ausgeklügelten Repertoire-Querschnitt aus Alt und Neu. Bestens bei Stimme, springt und hüpft sie mit überschäumender Lebensfreude über die dreiteilige High-Tech-Bühne, füllt mit erstaunlichem Charisma und entwaffnender Natürlichkeit jeden Quadratzentimeter der gigantische Kulisse aus.

          Von dem "Fräulein Wunder", welches vor genau zwei Dekaden mit kommerziellem Liedgut vornehmlich Teenager mitriß, ist nicht allzuviel übriggeblieben. Nena weiß als Lady des Rock ohne jeden Anflug von Nostalgie zu faszinieren - auch wenn einige ihrer älteren Anhänger zumindest bei Konzertbeginn sich damit nicht so recht anfreunden möchten. Egal, ob mit harten, schnellen und lauten Songs oder mit samtweichen Balladen, das Ex-NDW-Aushängeschild präsentiert sich als spontane, mit beiden Beinen auf der Erde stehende Entertainerin einer perfekt inszenierten Zwei-Stunden-Show. Dröhnende Bässe, hämmernde Perkussion und jaulende Gitarren ihres durchweg mit jungen Musikern besetzten Begleitensembles künden übermütig vom neuen Image. Das optisch passende Begleitprogramm mit einer schier unglaublichen Bilderflut wird dazu per Computeranimationen auf riesengroßen Elektronikwänden geliefert.

          Maßgeblichen Anteil am Gelingen des flirrend-lichtschnellen Spektakels haben die elegant auf drei Ebenen in der illuminierten Videoscreenwand im Bühnenhintergrund integrierten klassischen Musiker der Neuen Philharmonie Frankfurt. Nahtlos paßt sich das Symphonieorchester unter der Leitung des ganz in Weiß gekleideten Dirigenten Martin Paul Momberger in die geschmackvollen Neuarrangements von nicht ganz so populären, jedoch nicht minder hochwertigen Songklassikern wie "Tanz auf dem Vulkan", "Satellitenstadt", "Es regnet", "Fragezeichen" und "Silbermond" ein. Ein knapp halbstündiges akustisches Intermezzo zwischen Nena und dem Gast-Gitarristen Binding, lässig auf bereitgestellten Barhockern trinkend, sitzend und spielend, wird trotz einiger Längen vom Auditorium ohne Murren goutiert.

          Zum Höhepunkt folgt Evergreen auf Evergreen: Nach dem majestätisch inszenierten "Leuchtturm" spielen nicht nur die zahlreichen jungen Fans verrückt. Jene "99 Luftballons", die Nena einst zum international gefragten Star in Amerika, Japan, Australien und England machten, läßt sie gleich zweimal hintereinander steigen - in der Variante von 2002 und nach einer längeren Pause wegen akuten Stromausfalls auch noch in der ursprünglichen Version. Die noch immer aktuelle Antikriegsbotschaft des Gassenhauers verfehlt ihre Wirkung auch heute nicht - die englische Version steht derzeit in den meisten amerikanischen Bundesstaaten auf dem Index der Radiostationen. Statt der optimistischen Zeile "Kriegsminister gibt's nicht mehr" aus dem Original improvisiert die rechts und links der Bühne nunmehr von zahlreichen jugendlichen Anhängern flankierte Nena passend "Kriegsminister gibt es immer noch".

          Für die Zugabe "Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann" ziehen die Lightshow-Techniker dann noch einmal sämtliche Register ihres Könnens. Mit ausgeklügelten Licht- und Schatteneffekten gelingt ein futuristisch anmutendes audio-visuelles Gesamtkunstwerk. Da jedes Ende auch ein Neubeginn ist, interpretiert "Nena" zum Finale einen ihrer wohl schönsten und hoffnungsvollsten Songs überhaupt: "Anfang". MICHAEL KÖHLER

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