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„Nathan“ in Wiesbaden : Humanität in der Feuerpause

  • -Aktualisiert am

Es steckt ein Krieg in allen Dingen: Nathan als Graffitisprayer in Wiesbaden Bild: Karl & Monika Forster

Nicolas Brieger inszeniert einen tief pessimistischen „Nathan“ und entführt die Zuschauer nach Aleppo, Idlib oder Ost-Ghouta. Im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden bricht die Hölle los.

          2 Min.

          Die ersten Minuten haben es in sich. Ein Mann mit Hut und Plastiktüten kommt aus einem von Trümmern halb verschütteten Keller. Er sprayt in Großbuchstaben „WAR“ an den eisernen Vorhang, besinnt sich dann aber eines Besseren, macht aus dem englischen „Krieg“ das hoffnungsfrohe: „Am Anfang WAR das Wort“. Doch dann bricht im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden die Hölle los.

          Eine Blendgranate explodiert, der eiserne Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf eine von Trümmern überhäufte Bunkerszenerie. Menschen suchen Schutz vor dem Schutt, binnen weniger Minuten sind alle von grauem Staub überdeckt. Am schlimmsten aber ist der infernalische Lärm. Kriegsgeräusche, wie man sie sonst nur aus dem Kino kennt, malträtieren die Ohren, eine E-Gitarre spielt jagende Läufe à la Jimi Hendrix, und die Schwingungen von Hubschraubern, explodierenden Granaten und dem Getacker der Maschinengewehre sind in den Eingeweiden zu spüren. Es ist die Grenze des Erträglichen, und doch weiß man, dass es nur ein milder Abklatsch dessen ist, was die Kriegswirklichkeit den Menschen zu allen Zeiten zugemutet hat und eben in diesem Moment wieder zumutet.

          Überleben unter den Raubtieren

          Der Ort, an den Nicolas Briegers Inszenierung des Aufklärungsklassikers „Nathan der Weise“ den Zuschauer entführt, heißt also nicht Jerusalem, sondern aktuell Aleppo, Idlib oder Ost-Ghouta. Wahlweise jeder andere Ort, an dem der dünne Firnis der Zivilisation verschwunden ist, und Gewalt, Willkür, Terror herrschen. Und weil man den Worten, selbst den kristallhell leuchtenden Blankversen eines Gotthold Ephraim Lessing, nicht mehr so recht zu trauen scheint, verfällt man auf stumme Kommunikation. Denn mitten im Chaos des Beginns wird das Stück fast im Schnelldurchlauf allein mit Zeichensprache durchgespielt.

          In den folgenden zweieinhalb Stunden erreicht dieser „Nathan“ die druckvolle Intensität der ersten knappen halben Stunde nicht mehr. Aber immerhin ist die Tonart gesetzt, tiefstes Moll, und da immer wieder Kriegsgeräusche zu hören sind, weiß man, dass alles, was wir auf der Bühne sehen und hören nur in der geliehenen Zeit einer Feuerpause spielt, den ewigen Frieden zwischen den Menschen, zwischen den Religionen, den gibt es hier nicht. Keiner weiß das besser als Nathan, den Tom Gerber als smarten Geschäftsmann in den besten Jahren gibt, fern vom Klischee des weißbärtigen alten Juden. Dieser Nathan ist auch nicht weise, nicht tolerant, nicht lebensklug aus tiefer Überzeugung, sondern aus der Einsicht, dass ein Überleben unter den Raubtieren um ihn herum nur mit geballter Faust in der Tasche möglich ist – und mit stets gepackten Plastiktaschen. Seine Liebe gehört allein Recha (Mira Benser), von allen anderen hält er Abstand.

          Im grauen Trümmerfeld der Bühne

          Er macht sich keine Illusionen. In nahezu jeder Szene blickt er sich um, als würde er bei einem Verbrechen ertappt. Wenn er zu Saladin (Hanno Friedrich) zitiert wird, rechnet er mit dem Schlimmsten. An den Patriarchen (Uwe Kraus) verraten zu werden, bedeutet das Todesurteil. Dieser wie auch Saladin werden in dieser Inszenierung mit allzu grobem Pinselstrich gezeichnet. Saladin wäscht sich vor seiner ersten Unterredung mit seiner Schwester Sittah (Evelyn M.Faber) das Blut von Händen und Körper. Der Patriarch (Uwe Kraus) sitzt Nüsschen knabbernd auf dem Lokus, während der hitz- und auch ein wenig schwachköpfige Tempelherr (Maximilian Pulst) ihm Bericht erstattet. Weder Christen noch Moslems kommen hier gut weg, einer ist fanatischer als der andere.

          Im grauen Trümmerfeld der Bühne (Hans Dieter Schaal) reichen ein paar verschiebbare Wände, um die Szenenwechsel deutlich zu machen, die farblosen Gestalten huschen unter Balken, Betonblöcken, verkanteten Treppenhäusern umher, lassen sich immer wieder auch schutzsuchend zu Boden fallen. Am Ende feiern Saladin, Recha, Sittah und der Tempelherr ein übertrieben fröhliches Familienwiedervereinigungsfest, während Nathan bezeichnenderweise in der Kulisse verschwunden ist. Erst als der eiserne Vorhang sich wieder senkt, wagt er sich hervor, nimmt seine Spraydose und schreibt erneut „WAR“ an die Wand. Ohne Ergänzung. Dann wird es endgültig dunkel. Die gestundete Zeit der Aufklärung, der Menschenrechte, der Humanität – vorbei. Ein bitterwahrer Abend, ein großer deutscher Klassiker als sein eigenes Dementi inszeniert.

          Nächste Aufführung am Ostersonntag um 19.30 Uhr im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden.

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