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„Nach der Flucht“ von Trojanow : Poesie ist Widerstand

Glaubt an die gesellschaftsverändernde Kraft von Worten: der deutsche Schriftsteller bulgarischer Abstammung Ilija Trojanow Bild: dpa

Was bedeutet Heimat? Wie erleben wir Fremdheit? Mit seinem neuen Buch „Nach der Flucht“ gibt Ilija Trojanow Anlass, über die politische Wirkungsmacht von Literatur nachzudenken. Eine Lesung mit Autorengespräch in Frankfurt.

          Wenn im öffentlichen Diskurs über Flucht und Vertreibung gesprochen wird, geschieht das selten in Form der Poesie. Die politische Auseinandersetzung dominiert das medial vermittelte Tagesgeschehen, nicht Dichtung, nicht Imagination, nicht die Kunst der Sprache. Anlass, über die politische Wirkungsmacht der Poesie nachzudenken, gab nun Ilija Trojanow in der Autorenlesung seines neuen, vor kurzem bei S. Fischer erschienenen Buchs „Nach der Flucht“ an der Evangelischen Akademie Frankfurt. Der Schriftsteller ist selbst Geflüchteter, ein Wanderer zwischen den Welten, der im Alter von sechs Jahren mit seiner Familie aus Bulgarien floh und über Jugoslawien und Italien nach Deutschland kam. Danach lebte Trojanow in Nairobi, Bombay und Kapstadt, heute wohnt er in Wien.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Die eigene Prägung fließt in seine Sprachbilder der Flucht ein, die das Buch versammelt. Es berichtet fragmentarisch, wie in Momentaufnahmen und doch miteinander verbunden, im ersten Teil „von den Verstörungen“, im zweiten Teil „von den Errettungen“ der Flucht. Aber nicht alles, was er dort erzählt, sei autobiographisch, sagte Trojanow. Sein Ausdruck war kraftvoll, seine ruhige und doch bestimmte Art zu lesen, zog die Zuhörer in den Bann. Kurze, eindringliche Sätze waren aus seinem Buch zu hören: „Den Anderen nur als ,Anderen‘ wahrzunehmen ist der Beginn von Gewalt.“ Oder: „Heimat ist das, was in einem nicht sterben kann. Eine Illusion, die auch dann nicht verschwindet, wenn man nicht mehr an sie glaubt.“

          Die gesellschaftsverändernde Kraft von Worten

          Wie verändert sich die Wahrnehmung der Welt durch Flucht? Welche Bedingungen müssen gegeben sein, damit das Gefühl der gegenseitigen Fremdheit überwunden werden kann und Geflüchtete einen Ort im gesellschaftlichen Miteinander finden? Im anschließenden Gespräch mit dem Moderator Pablo Diaz vom Hessischen Rundfunk sprach Trojanow über den Impuls, der aus der Fremdheit in positiver Weise entspringen könne. Die Vision allumfassender Vertrautheit sei für ihn geradezu dystopisch. Es enthalte etwas Gutes, wenn ihm eine Stadt ein Stück weit fremd bleibe. „Die Gefahr ist nicht, dass wir überfremdet werden, sondern dass uns die Fremde ausgeht“, schreibt er in seinem Buch. Die Menschheit könne nur kosmopolitisch überleben. Bleibt aber eine Übersetzung solcher Fluchterfahrungen in eine literarische Form, in ein sprachliches Kunstwerk, nicht notwendig auf sich selbst bezogen? Nicht unbedingt. „Poesie ist Widerstand“, sagte Trojanow, und man glaubte es ihm, wollte mit ihm glauben an die gesellschaftsverändernde Kraft von Worten.

          Der Schriftsteller stellte viele kluge Gedanken in den Raum, an denen sich ein erfragendes Gespräch, ein Dialog, eine lebendige Diskussion hätte entzünden können, doch dieses Potential wurde durch die Gesprächsführung des Moderators leider verschenkt. Der war nicht offen und zeigte sich nicht empfänglich für die Art von Poesie, von der Trojanow sprach. Fast schon wirkte es, als begegnete er dem Autor mit Vorbehalten. Als würden beide verschiedene Sprachen sprechen, stellte er ihm Fragen wie einem Politiker: „Was kann man politisch gegen Fremdenfeindlichkeit tun? Welche Rolle spielen dabei die Medien? Plädieren Sie für Vielfalt?“

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          Trojanow bemühte sich zwar, aus diesen deplazierten Fragen etwas herauszuholen, was in ihnen nicht angelegt war, doch ein fundiertes Gespräch wurde durch die Moderation überwiegend verwirkt. Sie führte vom Buch weg und vor allem von der Form, um die es doch eigentlich ging: um Literatur, und das heißt immer auch: um den Autor. Trojanow sprach mit erstaunlicher Leichtigkeit über den permanenten Wechsel von Lebensorten, den er vollzogen hat. An dieser Stelle einmal innezuhalten und zu erfragen, welche Spuren die Flucht in einem selbst hinterlassen, wie es gelingen kann, angesichts der ständigen Veränderungen der kulturellen, geographischen und sprachlichen Umgebung nicht von einem inneren Gefühl der Zerfaserung beherrscht zu werden – das von Trojanow zu erfahren wäre zum Beispiel interessant gewesen. Vielleicht finden sich Antworten in seinem Buch, wenn er schreibt, dass es nicht immer ein probates Mittel gegen Einsamkeit sei, Wurzeln zu schlagen: „Heimatlosigkeit muss nicht falsch sein.“

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