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Musik-Projekt : Die Familie, die Ösis und die ganze Welt

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Unermüdlich bis kurz vor Mitternacht: Perkussionist Martin Grubinger Bild: Marcus Kaufhold

Martin Grubingers Projekt „The Percussive Planet“ bietet in Mainz eine Weltmusik, die sich davor hütet, regionale Eigenarten bis zur Unkenntlichkeit zu vermengen.

          Als im November 1966 der Dirigent André Cluytens, die Berliner Philharmoniker und der unvergessen geniale Saxophonist Sigurd Raschèr in der dortigen Philharmonie das Concertino da camera für Saxophon und elf Instrumente von Jacques Ibert vortrugen, musste die Sprecherin des vom Rundfunksender Rias Berlin übertragenen Konzerts ihren Radiohörern mehrfach versichern, dass es sich um keine Jazzveranstaltung handle, sondern um den Solisten eines klassischen Konzerts. So ungewöhnlich war das vor 45 Jahren noch, dass es eines solchen Hinweises bedurfte. Noch seltener war in einem solchen Rahmen die Mitwirkung eines Solo-Schlagzeugers. Kam hingegen mal einer ohne Orchesterbegleitung auf die Bühne, so war das oft Christoph Caskel in der Absicht, Karlheinz Stockhausens „Zyklus für einen Schlagzeuger“ vorzutragen. Die Konzertatmosphäre war damals intim, manchmal auch ein wenig elitär, weil Avantgarde dieser Art eine kleine, homogene Hörerschar lockte.

          Hätte man damals tiefgekühlt die Zeiten überdauert und wäre jetzt frisch aufgetaut noch einmal auf die Welt gekommen, käme man aus dem Staunen kaum heraus: Die Soloauftritte einer Evelyn Glennie oder Babette Haag hätten mit der Welt von damals kaum etwas gemein. Die Vielfalt des Schlagzeugs auf der Bühne ist bei derartigen Soloshows heute nahezu unermesslich, die Hochleistungsgeschwindigkeit beim Wechsel der Instrumente mehr als sportiv, die Anzahl der Originalwerke im Programm dafür umso geringer. So wie die Harfenistin Silke Aichhorn kein Orchester mehr braucht, um dem Publikum Smetanas „Moldau“ glaub- und schmackhaft zu machen, so ist es bei Schlagzeug-Events heute meist selbstverständlich, in Arrangements fast alles herbeizuklöppeln, was Komponisten für gänzlich andere Instrumente erdacht haben. Das Publikum will und soll seinen Spaß haben, man besucht ja heute auch nicht mehr selbstverständlich eine Ausstellung um der Bilder willen, sondern gönnt sich eine „Nacht der Museen“ mit ihrer ganzen Angebotspalette.

          Nummernfolge aus der „West Side Story“ von Leonard Bernstein

          Martin Grubingers knapp vierstündiges Projekt „The Percussive Planet“, welches das Rheingau Musik Festival jetzt in der Mainzer Phönix-Halle vorstellte, erweckt zunächst den Anschein, als würde dieses Prinzip um eine weitere Dimension ins Riesenhafte gesteigert. Umso verblüffender die Erkenntnis, dass die Kunst dieses wahrhaft atemberaubenden Multiperkussionisten und seines famosen Percussive Planet Ensemble sich der bloßen Fokussierung auf Show, Unterhaltung, Virtuosität und Rekorddenken phasenweise versperrt.

          Was Grubinger und sein 28 Mitglieder starkes Ensemble, zu dem Familienmitglieder, eine Gruppe von „Ösis“ (Grubinger), aber auch Musiker von ferner Herkunft – darunter ein Perkussionist aus Burkina Faso – gehören, mit ihrem Projekt offenbar bieten wollen, ist eine Art Weltmusik im umfassendsten und besten Sinne – nicht als mehr oder weniger niveaulosen Stilmischmasch, sondern als Folge exemplarischer Kompositionen und Arrangements aus fünf Erdteilen, die der Musik des jeweiligen Landes nicht ihre Eigenart rauben, aber doch die individuelle geistige Leistung einer durchformten Komposition deutlich werden lassen.

          „Original“ ist heute ein fließender Begriff

          Anspruch und Unterhaltungswert wechseln dramaturgisch geschickt ab; zu den das Publikum fordernden Werken gehören solche von Iannis Xenakis („Rebond B“, „Okho“) und Keiko Abe, zu den repräsentativen, Klangkontraste bietenden Bläser-Intermezzi die „Wiener-Philharmoniker-Fanfare“ von Richard Strauss und die „Fanfare for the Common Man“ von Aaron Copland, zu den „Genießerstücken“ zwecks Relaxen zwischendurch ein Medley „A Tribute to Astor Piazzolla“ und eine (bearbeitete) Nummernfolge aus der „West Side Story“ von Leonard Bernstein.

          Über die Brillanz und Perfektion sämtlicher Musiker, die Martin Grubinger junior (sein gleichnamiger Vater wirkte ebenfalls als Schlagzeuger und als Dirigent, seine Schwester als Geigerin mit) am Ende des langen, mit anhaltenden Ovationen bedachten Abends liebevoll einzeln vorstellte und charakterisierte, konnte man nur immer wieder staunen. Hommages – etwa das „Ghanaia“-Projekt des Würzburger Komponisten Matthias Schmitt – waren mit so viel Einfühlungsvermögen ausgestattet, dass die Authentizität der jeweiligen Weltregion nicht aus dem Blickfeld gelangte. „Original“ ist heute ohnehin ein fließender Begriff: Würde ein Feldforscher nach Ghana reisen, so würde er nicht weniger akkulturierte Musik vorfinden als im Rest der Welt. Nach der legendären Ära der Dagar-Brüder bedarf die Dhrupad-Pflege besonderer Aufmerksamkeit, damit dieser strenge Vokalstil der traditionellen indischen Musik nicht endgültig ausstirbt. Und in Ghana zeigte ein Phänomen wie Mustapha Tettey Addy lange schon das lebendige Bewusstsein für die Notwendigkeit der Errettung einer bedrohten Musikkultur.

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