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Kinobetrieb trotz Corona : Musicals in der Bar

  • -Aktualisiert am

Kinobetreiberin Anja Wetz im Eingangsbereich des Lichtspielhauses. Bild: Wonge Bergmann

Mehr als 100 Jahre alt ist das einzige Kino in Groß-Gerau. Zurzeit dürfen nur 28 der 107 Plätze im großen Saal genutzt werden. Die Betreiberin lässt sich von der Pandemie aber nicht entmutigen.

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          „Wir wurden so oft schon tot geschwätzt, das wird wieder“, sagt Anja Wenz und lacht. Die 53 Jahre alte blonde Frau, die in der dritten Generation eines der ältesten Kinos Deutschlands betreibt, lässt sich ihre gute Laune von nichts nehmen. „Unser Lichtspielhaus hat den Zweiten Weltkrieg, die Verbreitung der Fernsehapparate und Videotheken überlebt und sich gegen Multiplex-Großkinos und Streamingdienste behaupten können – Corona kriegen wir auch noch rum.“

          Seit Ende Mai hat das kleine Kino mitten in Groß-Gerau nach zehn Wochen wieder geöffnet. Die Hygieneregeln sind streng. Wenn etwa 40 Minuten vor Filmbeginn der dunkelbraune Vorhang aufgeht und die davorliegende Glastür geöffnet wird, darf jeder Gast nur mit Mund-Nasen-Maske eintreten. Auf einem kleinen Hocker liegt ein Formular, in das die Gäste Namen und Adresse eintragen. Dann zahlen sie ihre Karte und gehen in einem Einbahnsystem in den ihnen zugewiesenen Kinosaal.

          Hier wird der Gast am Platz bedient

          In den siebziger Jahren bauten die Eltern von Anja Wenz das Kino um: Aus einem großen Saal schufen sie zwei. Der rechte Saal, der immer noch den Namen Lichtspielhaus trägt, ist im originalen Stil der Siebziger erhalten. Hier stehen 107 mit dunkelbraunem Stoff bezogene, ausladende Sessel. Vor jeder Sesselreihe gibt es mit kleinen Lampen beleuchtete Tische. Hier wird der Gast am Platz bedient. Speisen und Getränke gibt es in Gläsern und auf Porzellantellern. Doch von den 107 Plätzen darf Anja Wenz wegen der Hygieneregeln nur 28 besetzen. Der zweite Saal heißt Cinebar. Mit ihm hatte sich Wenz vor 17 Jahren, als sie das Kino von ihren Eltern übernahm, ein zweites Standbein geschaffen, wie sie sagt. Sie ließ den Raum zu einer Bar mit Kinoleinwand umbauen. Hier gibt es 45 Sitzplätze, zurzeit dürfen nur noch 13 besetzt werden. „Vor Corona gab es hier Lesungen, Schulungen, Infoveranstaltungen, und ganz oft wurden hier Geburtstage gefeiert.“

          Über Monate ausverkauft waren auch die Sonntags-Matineen, bei denen ein Frühstücksbuffet angeboten und im Anschluss ein Arthouse-Film gezeigt wurde. Derzeit gebe es noch zehn ausstehende Matinee-Termine. „Wir zeigen hier übrigens generell keine Abschlachtfilme oder alberne amerikanische Teeniekomödien.“ Darauf legt Wenz großen Wert. Sie kenne ihr Publikum. Filme wie „Honig im Kopf“, „Ziemlich beste Freunde“ oder „Der Junge muss an die frische Luft“ seien in Groß-Gerau Blockbuster gewesen.

          „Wirtschaftlich ist das nicht“

          Doch mit Corona kam die Kinoschließung. „Dank unserer echt lieben Stammkundschaft können wir überleben, kaum jemand fordert sein Geld zurück, und viele andere haben zusätzlich Gutscheine gekauft und uns mit Mails aufgebaut.“ Das Durchschnittsalter der Besucher liege bei 40 Jahren, sagt Wenz. Kaum habe festgestanden, dass das Kino wieder öffnet, riefen Gäste an, um Karten für mehrere Filme zu reservieren. „Egal was läuft, wir kommen“, sprachen sie auf den Anrufbeantworter. Andere Gäste jedoch hätten noch Angst vor Aerosolen. „Das verstehe ich absolut“, sagt Wenz. Sie beteuert aber, dass die Abstandsregeln eingehalten und das Kino tagsüber gelüftet werde.

          Ein Blick in die Cinebar.

          Gerade sind Musical-Wochen. Im Lichtspielhaus läuft „Greatest Showman“. 14 Gäste sind gekommen. Gleich singt und tanzt Hugh Jackman über die Leinwand, und lautes Stampfen von Elefanten wird das kleine Kino kurz erzittern lassen. In der Cinebar wollen sich vier Personen „Cats“ ansehen. Wenz steht im nach Popcorn riechenden Kassenhäuschen, verkauft Karten und erläutert die Hygieneregeln. In den Kinosälen bringen zwei junge Frauen den Gästen frisch zubereitete Snacks und Getränke an die Plätze. Die Kinobetreiberin lacht. „Wirtschaftlich ist das hier absolut nicht. Aber ich freue mich über jeden Gast.“

          Die Augenoptikerin Anja Wenz wollte eigentlich keine Kinobesitzerin werden. Als ihre Eltern aber 2003 erklärten, dass sie in Rente gehen wollten, konnte sie sich ein Leben ohne Kino nicht vorstellen und beschloss mit ihrem Mann, der in der IT-Branche arbeitet, die Familientradition weiterzuführen. „1932 hat mein Urgroßvater das Kino, das 1919 eröffnet wurde, mitsamt dem Wohnhaus übernommen“, erzählt sie.

          Früher gab es drei Kinos am Ort

          Über die näheren Umstände weiß ihr Vater Kurt Zimmermann, geboren 1937, zu berichten: „Zum einen hatte der Erbauer des Kinos Schulden bei meinem Großvater, zum andern lief sein Kino nicht gut, weil der Besitzer ein Separatist war und ein Großteil der Bevölkerung daher lieber in ein anderes Kino ging – in Groß-Gerau gab es damals drei Kinos.“ Zimmermann, quasi im Kino geboren, erinnert sich noch an den Klavierspieler, der zu Stummfilmen spielte, und an die Platzanweiser – damals hatte der einzige große Kinosaal 360 Plätze. „Die teuren Plätze waren gepolstert, aber auch die Holzstühle waren bequem“, berichtet der Mann mit grauen Haaren und grauem Schnurrbart.

          Während des Nationalsozialismus seien die Groß-Gerauer gekommen, um die Wochenschau zu sehen, aber vor allem, um mit Unterhaltungsfilmen dem Alltag zu entfliehen. 1945, erinnert sich der damals acht Jahre alte Zimmermann, ratterten Panzer der amerikanischen Truppen nach Groß-Gerau. Sie beschlagnahmten das Kino und hielten dort Lagebesprechungen ab. Als sie rund ein Jahr später weg waren, ging der Kinobetrieb weiter.

          Zimmermann lernte von seinem Großvater, wie die zehn Kilo schweren Filmrollen in einen Projektor gehievt werden, und gab das Wissen an seine Tochter weiter. Heute braucht sie es aber nicht mehr, denn sie ließ 2012 das Kino digitalisieren. Pro Saal waren dafür 100 000 Euro notwendig, sagt Wenz. „Das war ein Haufen Geld, aber es ist wirklich ein Segen.“ Musste früher das Groß-Gerauer Kino wochenlang warten, bis ein Filmverleiher die Rolle eines neuen Films frei hatte, können heute auf einer Datenbank Hunderte Filme archiviert werden. Wenn das Groß-Gerauer Kino einen der Filme wieder zeigen will, muss Wenz nur einen Freigabeschlüssel beim Filmverleiher anfordern. Da es derzeit noch keine Filmstarts gibt, kann sie problemlos auf ihr Archiv zurückgreifen.

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