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Musical : „Mamma Mia!“ oder: Momente des unverfälschten Glücks

  • -Aktualisiert am

Ihr liebt Abba... Bild: Marcus Kaufhold

Der Sound der siebziger und frühen achtziger Jahre wurde ganz wesentlich von vier jungen schwedischen Menschen namens Agnetha, Anni-Frid, Björn und Benny bestimmt. Und Abba ist Kult - wie der Zulauf zum Musical „Mamma Mia!“ zeigt.

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          Der Sound der siebziger und frühen Achtziger Jahre wurde ganz wesentlich von vier jungen schwedischen Menschen namens Agnetha, Anni-Frid, Björn und Benny bestimmt. Abgesehen von einer kleinen radikalen Minderheit von „Abba“-Verächtern war die Musik der nordeuropäischen Pop-Band ein entscheidendes Element in der musikalischen Sozialisation der meisten, die 1972, als die Weltkarriere der Gruppe begann, zwischen, sagen wir, zehn und dreißig Jahre alt waren. Entrinnen konnte man den omnipräsenten Tönen ohnehin nicht. Auch wer „Souper Trouper“ für eine Suppenküchen-Kette, „I do I do I do I do I do“ für einen zenbuddhistischen Meditationsspruch oder „Chiquitita“ für eine Bananen-Marke hält, kennt die Melodien dieser Titel und kann sie spätestens mitsummen, wenn der Refrain anhebt.

          Selbst viele Mütter waren in der fernvergangenen „Abba“-Zeit angetan von den Klängen, die damals noch in den Rillen von Vinylscheiben steckten und leicht scheppernd aus den Zimmern ihrer Töchter drangen. Die sich mal mit Agnetha, mal mit Anni-Frid identifizierten, während sie die Haarbürste oder den Fön als Mikrofonersatz nutzten - warum eigentlich gibt es neben Luftgitarrenwettbewerben nicht auch In-den-Haartrockner-Wettsingen? Dann wäre da noch die große Zahl der Nachgeborenen, die, vielleicht nach anfänglichem Sträuben, danach aber um so unaufhaltsamer den Stars ihrer Eltern verfallen sind. Pop-Größen, die trotz Plateau-Sohlen und Schlaghosen irgendwie natürlich wirkten, die mit hellen Frauenstimmen und massivem Chor direkt ins emotionale Zentrum zielten. Kurzum: „Abba“ ist ein Phänomen, das gleich mehreren Generationen tief in den Seelen sitzt. So läßt sich erklären, daß zur Premiere des Musicals „Mamma Mia“ ein vom Alter her so gemischtes Publikum die Stuhlreihen füllte, wie es selten einmal der Fall ist.

          Momente des unverfälschten Glücks

          Wer sich einst auf die Musik von „Abba“ eingelassen hat, konnte auch jetzt wieder Momente des unverfälschten Glücks genießen. Diese Musik ist klarer, reiner, sauberer Pop. Dieses Musical ist eine Erinnerungsmaschine, die uns an eine Zeit zurückfühlen läßt, in der das Leben noch einfach und, was die Liebe angeht, doch so unendlich kompliziert war. Daß das Stück auch komisch ist und viel britischen Humor hat, macht die Nostalgie erträglich. Herrlich ist die Pop-Seligkeit, aber sie ist auch zum Lachen - zumindest wenn man in die Jahre gekommen und vielleicht irgendwann doch noch zur Einsicht gelangt ist, daß sich im wahren Leben Herz nicht notwendigerweise auf Schmerz reimen muß.

          ...und wir bringen euch die vier Schweden der Siebziger zurück...
          ...und wir bringen euch die vier Schweden der Siebziger zurück... : Bild: Marcus Kaufhold

          „Mamma Mia!“ ist das derzeit weltweit erfolgreichste Musical. In der Frankfurter Festhalle ist nun eine Produktion zu sehen, die als „International Tour 2005 / 2006“ Maßstäbe setzt. Schon mehr als 50.000 Karten sind verkauft worden. Die Handlung ist um 22 „Abba“-Songs herumgebaut. Auf einer griechischen Insel bereitet Donna (Premierenbesetzung: Helen Hobson), die einst als Aussteigerin dort eine Taverne bauen ließ, die Hochzeit ihrer 20 Jahre alten Tochter Sophie vor. Diese möchte endlich wissen, wer ihr Vater ist, hat die Tagebücher ihrer Mutter ausgewertet und entdeckt, daß gleich drei Herren dafür in Frage kommen. Sie lädt sie zu ihrer Hochzeit ein. Sam, Harry und Bill treffen ein, Donna ist entsetzt: Ein Spiel um vergangene Liebe und nie erloschene Sehnsucht, um Freundschaft und Verlassenwerden, um Erinnerung und Gegenwartsgenuß, um Vaterschaft und Frauen-Power, um Älterwerden und Jungbleiben beginnt, ein Spiel, an dem auch die als Buffa-Figuren angelegten Freundinnen von Donna, Rosie und Tanya, munter teilnehmen. Einst waren sie „Donna and the Dynamos“, eine Damenband von unwiderstehlichem Charme.

          Ein Finale furioso

          Am Abend vor der Hochzeit lassen sie es wieder rocken. Großartig auch die Chor-Auftritte: In Tauchermontur tapsen da etwa die Freunde von Bräutigam Sky auf die Bühne und tanzen den Froschtanz. Fast käme es noch zum Zerwürfnis zwischen Sophie und ihrem Liebsten. Am Ende aber, nach einer Häufung von Balladen, gibt es eine überraschende Wendung. Und ganz zum Schluß ein Finale furioso, das gerne noch länger hätte dauern können: „Abba“-Songs pur, mitreißende Ballettszenen, eine fulminante Zugabe nach einer ohnehin von guter Laune überschäumenden, dabei aber sehr klug und gelegentlich doppelbödig inszenierten Bühnen-Show.

          Die Musik hat nichts von ihrer Kraft verloren. Zumindest wenn sie derart kongenial umgesetzt wird wie von dem Ensemble, das in der Festhalle gastiert. Es traf den „Abba“-Ton genau. Und hat die Lieder mit einer solchen Verve vorgetragen, daß sie auch nicht den geringsten Schimmer von Patina aufwiesen. Eine große Guckkastenbühne mit viel südlichem Flair, deutsche Textzeilen auf Leinwänden, von überall im Saal gut zu verfolgen, eine phantasievolle Lichtregie: So perfekt kann Musical sein.

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