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Museum Wiesbaden : Glück aus Licht und Farbe

15 Nuancen Rot: Die Bild-Installation „More Than You’ll Ever Know (M.T.Y.E.K.)“ schuf der Farbfeldmaler Winston Roeth 2018. Bild: Bernd Fickert

Strahlend, leuchtend, glühend, manchmal weiß oder wie zur blauen Stunde: Das Museum Wiesbaden zeigt Werke von Winston Roeth. Die Bilder hat der amerikanische Künstler sogar selbst gehängt.

          3 Min.

          Eine gewisse Überwindung kostet es schon, an diesen unverhofft klaren und warmen Spätsommertagen ein Museum zu betreten. Das natürliche Licht zu verlassen und in künstliche Welten abzudriften. Um so überraschender ist es, im Inneren etwas zu erleben, das den Eindrücken draußen ziemlich nahekommt. Und den Besucher geradezu auf die gleiche Weise beglückt wie die Wärme und Helligkeit dieses außergewöhnlichen Septembers. Winston Roeth hat im Museum Wiesbaden eine Ausstellung mit seinen Werken selbst gehängt. Es bedurfte einiger bürokratischer Mühen hier und in den Vereinigten Staaten, um ihn in Corona-Zeiten in die hessische Landeshauptstadt zu bringen. Schließlich ließen sich die Behörden überzeugen, dass auch ein Künstler systemrelevant sein kann. Für den Ausstellungsbetrieb. Dafür, Farbe ins Leben der Menschen zu bringen. Und das schafft der 1945 geborene Amerikaner wie kein zweiter.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Noch sind wir nicht ganz im „Indian Summer“, den er aus Maine, wo er ein Atelier hat, aus langjähriger Anschauung kennt. Aber einige Arbeiten zeugen von der besonderen Atmosphäre, den die verfärbten Bäume und das strahlende Blau des Himmels in Neuengland im Spätherbst mit sich bringen. Alles ist von einer unglaublichen Klarheit. So verhält es sich auch mit den Gemälden, die nun in der „Speed of Light“ genannten Schau entsprechend geradlinig präsentiert werden.

          Auf Farbe und Licht reduziert

          Was Menschen, die immer nur nach Inhalten und Gegenstandsbezügen suchen, entgeht, ist die befreiende Kraft abstrakter Malerei. Dabei ist Roeths OEuvre keineswegs von aller Natur unabhängig, im Gegenteil. Methodisch und mit Vorbehalt auch ästhetisch ähnelt seine Arbeitsweise nämlich der von Mark Rothko: Die Landschaft wird auf Farbe und Licht reduziert, ihre Anmutung verdichtet, ihr Wesen zum Vorschein gebracht, das im Leuchten und Erleuchtetsein besteht. So scheinen die Bilder aus sich heraus zu glühen, zu glimmen, zu glänzen.

          Sie haben das Licht aufgenommen, sie geben es weiter, sie verweisen nicht nur darauf, in ihnen selbst ist es präsent. Es teilt sich den Betrachtern mit. Sie müssen sich nur darauf einlassen. Denn zunächst sehen sie nichts als Farbflächen. In Formaten, die dem klassischen Tafelbild entsprechen. Dessen Tradition der Künstler derart verhaftet ist, dass er den Rahmen oft hervorhebt. Seine Malerei ist strikt begrenzt. Die Farbe geht nicht über die Ränder hinaus, über die kräftigen dunklen Balken, die gewissermaßen Licht und Farbe umfangen, eingrenzen, bändigen.

          Bedeutung, die sich unmittelbar erschließt

          Der Ausstieg aus dem Bild ist Roeths Sache nicht. Vielmehr legt er Emphase auf den Bildbegriff. Nur dass das Bild eher eine Wirkung entfaltet als eine Geschichte zu erzählen. Dass Roeths Arbeit ins Gebiet der Farbfeldmalerei gehört, steht außer Frage. Aber es gelingt ihm, ihr oft eine Bedeutung zu geben, die sich unmittelbar erschließt. Oder in den Titeln, die er seinen Werken gibt. Der Maler verschlüsselt seine Botschaft nicht, er geht der Anschauung mit einem Begriff gern zur Hand.

          So sprechen Werkbezeichnungen wie „Almost White“ ebenso für sich wie solche, die sich auf bestimmte Wüstengebiete oder Tages- und Nachtzeiten beziehen: „Nocturne“ oder „Quiet Night“, „Sahara“ oder „Mojave“. Roeth malt monochrome Werke, er liebt es jedoch augenscheinlich, formal identische Elemente akkurat, geometrisch exakt zusammenzufügen, so dass etwa zwölf rechteckige Pappelplatten fast ein Quadrat bilden oder 20 hochrechteckige Schiefertafeln ein ebenso geformtes Gesamtbild.

          Eine Vorliebe für Raster

          Roeth zeigt farbliche Nuancen, etwa 14 unterschiedliche Rottöne oder ein Abendstück mit schwarz-blauen Variationen. Die Vielzahl der Farben fasziniert ihn. Der Mensch soll mehr als eine Million unterscheiden können. Etwas, das auch Gerhard Richter begeistert hat. Dessen Akkuratesse der von Roeth durchaus ähnelt. Auch haben beide eine Vorliebe für Raster entwickelt. Und die damit gegebene Möglichkeit, gleichsam wie in einer Liste oder bei Musterkarten gleichberechtigt neben- und untereinander stehende Farbtöne anzustimmen. Im Unterschied zur unterkühlten Farbbestandsaufnahme von Richter ist Roeth freilich weitaus emotionaler. Seine Farben bringen auch Gemütszustände zum Ausdruck, die mit der äußeren Wirklichkeit harmonieren. In der blauen Stunde fühlen wir uns auch entsprechend. Und ein wolkenloser Himmel an einem Sommertag berührt uns auf eine bestimmte Weise, bringt eine Saite in uns zum Klingen, und sich in verschiedenen Tönen Blau zu verlieren erzeugt entsprechende Empfindungen. Das Gefühlvolle und das Technische liegen bei dem Amerikaner allerdings nah beisammen.

          Er gibt stets genau an, welche Materialien er nutzt. Immer verwendet er „Kremer-Pigmente“. Mit dem Gründer des deutschen Unternehmens, das historische Pigmente aus natürlich vorkommenden Rohstoffen herstellt, Georg Kremer, verbindet ihn eine lange Arbeits- und freundschaftliche Beziehung. Diese Farben seien die besten, sagt der Künstler. Er mischt sie mit Polyurethan-Dispersion, einem Mix aus Wasser und Kunststoff, als Bildträger dienen ihm Leinwand, Holzplatten, Schiefertafeln.

          In dieser sehr homogenen, das Auge und das Herz befreienden und erfreuenden Schau finden sich auch ein paar Überraschungen: Plötzlich entdeckt der Besucher einen Kreis. Es ist wie der Schönheitsfleck auf einem makellosen Gesicht: Dadurch gewinnt die Ausstellung einen ganz speziellen Reiz.

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