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Museum Judengasse : Das Medium des Erinnerns

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Exodus des Geistes: Das bisher wohl eindringlichste Mahnmal an die Judenverfolgung war ein temporäres: Wie ein Filmabspann liefen die Namen von Sigmund Freud, Anna Freud, Carl Djerassi, Ernst Gombrich ...

          Exodus des Geistes: Das bisher wohl eindringlichste Mahnmal an die Judenverfolgung war ein temporäres: Wie ein Filmabspann liefen die Namen von Sigmund Freud, Anna Freud, Carl Djerassi, Ernst Gombrich und zahlreichen anderen bedeutenden Österreich-Emigranten als Computertext auf einem Band am Betrachter vorbei und verschwanden gleichsam im Canale Grande. In dessen unmittelbarer Nachbarschaft hatte Peter Weibel als Kommissär des österreichischen Pavillons bei der Biennale in Venedig im Jahr 1993 seine damals entstandene Installation "Vertreibung der Vernunft" gezeigt. Das erste Medium des Erinnerns sei für ihn die Schrift, die abstrakte Skulptur hingegen führe zur "Erfahrungsleere" und habe die Tendenz zu enthistorisieren, hat Weibel einmal zum mittlerweile schwer verdaulichen Begriff der "Erinnerungskultur" geäußert.

          Das Erinnern selbst ist das Thema des New Yorker Künstlers Arnold Dreyblatt, der seine Arbeiten derzeit unter dem Titel "Inschriften" im Museum Judengasse (Kurt-Schumacher-Straße 10) und damit zum ersten Mal in Frankfurt zeigt - eine Präsentation, die im Zusammenhang mit der am 15. März im Jüdischen Museum beginnenden Ausstellung über die Deportation der Frankfurter Juden in den Jahren 1941 bis 1945 steht. Aber mit dem Holocaust oder den schrecklichen Geschehnissen in Frankfurt setzt sich der 1953 geborene Medienkünstler nur sehr mittelbar auseinander. Ihm geht es vor allem um die Frage, wie sich individuelles und kollektives Gedächtnis zueinander verhalten. Und auch darum, wie haltbar oder vergänglich die monumentalisierten oder institutionalisierten Formen der Erinnerung wohl sein mögen.

          Anschaulich wird dies vor allem in Arnold Dreyblatts vor fünf Jahren entstandener Installation "Wunderblock". Frei nach Sigmund Freud, der 1925 in seiner "Notiz über den Wunderblock" den menschlichen Erinnerungsmechanismus, die Funktion von Wahrnehmung und Gedächtnis, mit der bekannten Wachstafel für Kinder vergleicht, bei der alles Geschriebene mühelos wieder gelöscht werden kann und gleichwohl als unleserliche Spur noch im Wachs vorhanden bleibt. Der New Yorker Künstler hat Sigmund Freud nun ins digitale Zeitalter überführt, in eine Festplatte und einen Arbeitsspeicher. Und dieser moderne Wunderblock schreibt von ganz allein; Fragmente von Sätzen tauchen auf, so kurz, daß sie kaum zu lesen sind, und verschwinden gleich wieder: Sichtbar wird also ein ziemlich wackliges Gedächtnis, bruchstückhaft und äußerst flüchtig. Immerhin kann man die Satzfragmente, die vom Finden und Verlieren handeln, im Katalog nachlesen.

          Das gilt auch für "Die fehlenden Buchstaben", eine in diesem Jahr entstandene zentrale Arbeit. Eine Art Textmeer mit immer neu auftauchenden und sich wieder auflösenden Satzfragmenten erscheint in einer grabähnlichen Vertiefung, die in einem verdunkelten Raum des Museums Judengasse von oben zu sehen ist. Bei diesen gleichsam vorüberschwimmenden und kaum zu entziffernden Textfragmenten handelt es sich um Auszüge aus Michael Brockes Werk "Der alte jüdische Friedhof zu Frankfurt am Main".

          Mit den "T-Dokumenten" gibt Dreyblatt einen Einblick in seine umfassenden Recherchen zu einem gewissen Herrn T. (geboren 1879 in Ungarn, gestorben 1943 in Schanghai), einer vergessenen Figur, die unter zahlreichen Identitäten in Europa, Asien und Nordamerika mit vielen politischen Ereignissen in Verbindung gebracht wurde. KONSTANZE CRÜWELL

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