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Museum für Moderne Kunst : Kein Blütenkelch weit und breit

Gewaltiges Summen: Auf dem Dach des Museums für Moderne Kunst fühlen sich jetzt diverse Bienenvölker wohl Bild: Frank Röth

Summ, summ, summ: Die Künstlergruppe "finger" betreut für ihre Stadtimkerei auf dem Dach des Museums für Moderne Kunst zwölf Bienenvölker.

          Eigentlich möchte man beim Besuch im Museum dank der hehren Kunst die profane Welt da draußen vergessen, und sei es nur für einen Augenblick. Im Frankfurter Museum für Moderne Kunst findet man sich stattdessen im engen Aufzug wieder, um aufs Dach hinaufzufahren. Dort steht man, ausstaffiert mit Hut und Schleier, mitten in der Stadtimkerei der Künstlergruppe „finger“: Höhenangst und Angst vor Insekten inklusive.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Seltsam nur, dass dieser Ort zunächst so ganz anders aussieht als in den Kinderbüchern. Denn rundherum nur Blech, Beton und heiße Steine, nicht ein Blütenkelch in Sicht und das „Summ, summ, summ, Bienchen summ herum“, das einem sogleich im Kopf herumschwirrt, kommt nicht aus den Bienenstöcken, sondern aus der Klimaanlage. Und doch wird man es fortan nicht mehr los, scheint es gar lauter und penetranter zu werden, als Andreas Wolf gleich zu Beginn der Führung auf marodierende Banden räuberischer Wespen verweist und die rund 650. 000 Bienen darüber hinaus angesichts der gewittrigen Stimmung als gereizt und aggressiv einschätzt. Na bravo.

          Die Imkerei auf dem Museumsdach als soziale Plastik

          Dem Besucher aber fällt – auch nicht eben Anlass zur Beruhigung – Jean Paul ein: „Wenn man beim Stiche der Biene oder des Schicksals nicht stillehält, so reißet der Stachel ab und bleibt zurück.“ Und also zieht er, dem Schicksal mutig trotzend, noch einmal ordentlich am Gazeschleier, ignoriert das Summsumm der zwölf emsigen Völker ringsum und nimmt sich Haas’ gut gemeinten, von der Literatur beglaubigten Rat zu Herzen: „Wenn sie attackieren, bleiben Sie einfach ruhig.“ Nichts für Apiophobiker, jene Personen, die sich vor Bienen fürchten, ist also die Kunst der „finger“-Gründer Andreas Wolf und Florian Haas, die den Kunstkontext, sieht man vom performativen Charakter der Führung einmal ab, zunächst ganz nonchalant zu ignorieren scheint.

          Sicher, spätestens seit Beuys’ „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ hat die Biene einen festen Platz in der zeitgenössischen Kunst. Und bei genauerer Betrachtung ist die nun für drei Jahre auf dem Dach des MMK beheimatete Stadtimkerei als künstlerisches Modell in der Tat so etwas wie eine soziale Plastik. Dafür muss man nicht einmal die Überlegungen des großen Schamanen zur „sozialen Wärme“ der Völker bemühen. Denn da kommt man bei allen Parallelen rasch ins Grübeln. Dass „große Teile eines Bienenvolks“, wie der Bienensachverständige Wolf weiß, „die meiste Zeit einfach nur rumhängen“, war Beuys womöglich einfach nicht geläufig. Doch das große „Drohnenschlachten“ vor dem Winterschlaf, das Gemetzel an überflüssigen Männchen, kann einen für den Bienenstaat am Ende nicht recht erwärmen.

          Zentrale Idee der „evolutionären Zelle“

          In der Kunst von „finger“ freilich geht es um weit mehr als um vergleichende Naturbetrachtung. Vielmehr interessiert sich das Frankfurter Künstlerduo vor allem für gesellschaftliche Prozesse, für die Verknüpfung von Alltag, Kunst und konkreter Utopie im künstlerischen Diskurs. Und darüber hinaus. Zwar drängen sich, während die beiden einen Vortrag wie aus dem Imkerseminar halten, von Tracht und Blütenpracht, von Drohnen, Königin und Milben, von Brut und Überwinterung, Bienen- und Imkersterben und einem „Altersheim für Bienen“ als Alternative zum „Abschwefeln“ überalterter Völker sprechen, wie von selbst so manche Parallelen zum höchst banalen Alltag auf.

          Die Intention der Stadtimkerei ist freilich eine andere. Denn der Weg vom Alltag in die Kunst führt vom Dach des MMK in die Niederungen des Lebens zurück – zur für „finger“ zentralen Idee der „evolutionären Zelle“. Nicht nur, dass sich Haas und Wolf mit dem Verkauf des „Kunst-Honigs“ gleichsam ihre eigene evolutionäre Zelle geschaffen haben, die ihnen ihre im Wortsinne brotlose Kunst ermöglicht. Ob „finger“ mit dem Frankfurter Verein am Niederräder Ufer Arbeits- und Obdachlose und „ganz normale Leute“ für die Imkerei begeistern und damit eine ökonomische Nische aufzeigen oder ob die beiden Künstler, wie jetzt in Neapel, einen Teil ihres Budgets für einen Imkerkurs für jedermann bereitstellen: Die Zelle wächst.

          Stillhalten, damit der Stachel nicht reißt

          Und trägt als Mikrokosmos Früchte weitab der Kunst. Dass ein künstlerisches Modell in die Wirklichkeit verschoben wird, ist die ebenso verblüffende wie bemerkenswerte Pointe dieser Utopie wie Pragmatismus gleichermaßen verpflichteten Kunst. Und selbst wenn jetzt die Bienen über einen herfielen, sich das Drohnenschlachten zutrüge oder gar morgen die Welt unterginge: Man hält still, dass der Stachel nicht reiße. Und gönnt sich, noch auf dem Dach des MMK, einen kleinen Finger voller Honig.

          Führungen durch die Stadtimkerei auf dem Dach des MMK am 6., 13., 20. und 27. August um 19.30 Uhr. Kinderworkshops am 9. und 16. August von 10 bis 13 Uhr, Anmeldung unter 0 69/21 24 06 91

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