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Mondlandung als Medienereignis : Als die Welt einmal vereint war

Der Mondlandung als Medienereignis kann man im Museum für Kommunikation in Frankfurt auf die Spuren gehen. Bild: © Museumsstiftung Post und Telekommunikation

Die Mondlandung: Kaum ein Ereignis fesselte so viele Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern gleichzeitig vor dem Fernseher. Die Ausstellung „Raumschiff Wohnzimmer“ im Museum für Kommunikation in Frankfurt widmet sich dem Medienphänomen.

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          Es gab diesen Traum, mit Technik die irdischen Verhältnisse zu überwinden. In den Raum aufzubrechen. Die Erde hinter sich zu lassen. Die Kraft der Gedanken: Sie wurde Realität. Erfindungsreichtum und exakte Wissenschaft machten das Unmögliche möglich. Der Geist bewegte die Materie. Die Menschheit griff nach den Sternen. Damit verbunden war aber ein anderer Traum. Der Traum vom Weltbürgertum, von der Aufhebung alles Trennenden, vom großen Perspektivenwechsel, den der Blick vom Weltall auf die Erde mit sich brächte. Würden nicht die auf dem blauen Planeten zurückgebliebenen Bewohner zusammenrücken, wenn einige Auserwählte ihrer Gattung ins All reisten?

          Michael Hierholzer
          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Idee, dass alle Menschen über Ländergrenzen und Nationen hinweg die Erde als ihre gemeinsame Heimat begreifen werden, der Gedanke, dass keine Rassen, sondern nur Menschen existieren:

          Es ist kein Zufall, dass am Ende der sechziger Jahre, einem Jahrzehnt der sozialen Utopien und realen gesellschaftlich-kulturellen Umbrüche die Apollo-11-Mission stand. „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit“: Neil Armstrongs berühmte Worte, als er die erste Sprosse der Leiter betrat, die von der Mondlandefähre „Eagle“ auf die Oberfläche des Erdtrabanten führte, waren von jenem euphorischen Universalismus erfüllt, den einen knappen Monat später auch das „Woodstock“- Festival als erdumspannende Botschaft verbreitete.

          Stimmen aus dem All: Cover eine Schallplatte mit den Worten von Neill Armstrong und Buzz Aldrin während ihres Landeanflugs und beim Betreten des Mondes.
          Stimmen aus dem All: Cover eine Schallplatte mit den Worten von Neill Armstrong und Buzz Aldrin während ihres Landeanflugs und beim Betreten des Mondes. : Bild: © Belser Verlag

          Zwar endete mit der erfolgreichen Mondlandung der seit den fünfziger Jahren von beiden Seiten ideologisch befeuerte und mit hohem finanziellen Aufwand betriebene Wettlauf zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion um den ersten bemannten Raumflug zum Erdtrabanten. Aber als Propagandainstrument im Kalten Krieg versagte das Mondfahrt-Programm der Nasa letztlich, kaum jemand interessierte sich dafür, ob die Amerikaner den Russen technisch und wissenschaftlich überlegen waren, weil sie das Rennen gewonnen hatten. Es ging in der Wahrnehmung um größere Menschheitsfragen, darum, was der Homo sapiens als solcher erreichen kann, um die ungeahnten Möglichkeiten, die der stete Fortschritt bietet. Für einen historischen Moment waren nationalstaatliche Egoismen und ideologische Unterschiede vergessen, es ging um das All und um alle.

          600 Millionen Zuschauer fieberten mit

          Einen Vorschein künftiger Gemeinsamkeiten und eines länderübergreifenden Zusammenhalts der Erdbewohner vermittelte das Fernseherlebnis, das die Mond-Mission etwa 600 Millionen Zuschauern bescherte. Überall in der westlichen Welt fieberte das TV-Publikum mit, wartete geduldig auf den Ausstieg der Astronauten, der erst vorgezogen wurde, sich dann aber doch ziemlich verzögerte, und sahen die wie von einem Schleier überzogenen Schwarzweißaufnahmen von den Bewegungen Neil Armstrongs und Buzz Aldrins auf dem Mond.

          Verbindende Ereignis: Wie diese Nürnberger Familie schauten via Fernseher alle zu.
          Verbindende Ereignis: Wie diese Nürnberger Familie schauten via Fernseher alle zu. : Bild: © Nürnberger Nachrichten / Foto W. Bauer

          Eine Ausstellung im Frankfurter Museum für Kommunikation widmet sich mit mehr als 100 Exponaten nun dieser Sternstunde eines Mediums, das am Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in der Lage war, die große Mehrheit derer zu fesseln, die Zugang zu einem Gerät hatten. In Deutschland konkurrierten WDR und ZDF um die Zuschauer, beide Anstalten leistetet sich Live-Sondersendungen mit Wissenschaftlern, Experimenten, Modellen und großen Nachbauten der Landefähre.

          Es galt viel Zeit zu überbrücken. Zwischen der Ankündigung, die Astronauten würden früher als geplant aussteigen, und ihrem tatsächlichen Ausstieg lagen etliche Stunden, in denen keine Frage unbeantwortet blieb, die sich in dieser denkwürdigen Nacht stellte. Es handelte sich in gewisser Weise auch um den Höhepunkt einer von der Populärkultur lange herbeigesehnten und vorweggenommenen Entwicklung. Auch das zeigt die Schau in dem Museum am Sachsenhäuser Schaumainkai, das eine Geschichte der menschlichen Sehnsucht nach Reisen im All aufblättert, mit Buchtiteln, Zeichnungen und allerlei Mondfahrer-Devotionalien. Und auch dieses Kapitel fehlt nicht: Verschwörungsmythen, denen zufolge die Mondlandung in Hollywood produziert wurde.

          Auch damals gab es Merchandising: Die Mondlandung war gut zu vermarkten.
          Auch damals gab es Merchandising: Die Mondlandung war gut zu vermarkten. : Bild: Raumschiff Wohnzimmer

          Zwischen Science-Fiction einerseits und den Raumfahrtprogrammen der Amerikaner und Russen andererseits schloss sich zusehends die Kluft: Was noch Anfang des 20. Jahrhunderts eine kühne These war, nahm 50 Jahre später reale Formen an. Die Schau führt beides zusammen, die technisch-wissenschaftliche Utopie, wie sie Mitte des 19. Jahrhunderts schon ein Jules Verne formulierte, und die erstaunlichen Leistungen der Raumfahrt, die mit dem russischen Satelliten Sputnik begann und 1961 einen ersten triumphalen Erfolg mit Juri Gagarin als erstem Menschen feierte, der in einer Raumkapsel die Erde umkreiste.

          Modell eines Apollo-Raumschiffs, sechziger Jahre: Eine Leihgabe des Hermann-Oberth-Raumfahrt-Museums.
          Modell eines Apollo-Raumschiffs, sechziger Jahre: Eine Leihgabe des Hermann-Oberth-Raumfahrt-Museums. : Bild: © Museumsstiftung Post und Telekommunikation

          Der Enthusiasmus, der Astronauten und Kosmonauten, wie die Raumfahrer im Ostblock hießen, entgegengebracht wurde, fand Eingang in die Kinderzimmer wie in die Vitrinen der guten Stuben. Schon in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts versetzte der „Raketenrummel“ mit zahlreichen Filmen und Publikationen die Leute in Begeisterung. Das „Space Race“ in den Fünfzigern beflügelte die Phantasie dann noch einmal mehr wegen der konkreten Planungen in Ost und West.

          Wissen war nie wertvoller

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          Dass eine Fernsehübertragung vom Mond überhaupt funktionierte, ermöglichten die Satelliten, die erst wenige Jahre zuvor in die Erdumlaufbahn geschossen worden waren. So konnte es am 20. und 21. Juli 1969 zu einem Medienereignis kommen, wie es seither keines mehr gab. Und in ähnlicher Weise auch nicht mehr vorstellbar ist. Das Fernsehen als Leitmedium hat ausgedient. Im Museum für Kommunikation können sich die Besucher anhand des dort bereitgestellten Video- und Audiomaterials noch einmal vertiefen in eine Zeit, als Wunder wirklich wurden: Menschen betraten den Mond, und alle schauten zu.

          „Raumschiff Wohnzimmer“
          Bis 10. Januar 2021 im Museum für Kommunikation Frankfurt, Schaumainkai 53, geöffnet Dienstag bis Sonntag von elf bis 18 Uhr.

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