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Museum für Kommunikation : Auf dem digitalen Corona-Pfad

Alles neu in dem ominösen Internet? Das Museum für Kommunikation zeigt die Blüten der Digitalisierung. Bild: Sven Moschitz

Das Museum für Kommunikation hat schon lange eine Ausstellung des Digitalen in realen Räumen geplant. Dann kam die Corona-Krise. Jetzt ist die Sonderausstellung „Neuland“ begehbar – und aktueller denn je zuvor.

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          Es ist das Thema der Stunde. Dank der digitalen Medien waren die vergangenen acht Wochen zwischendurch immer wieder einmal erträglich. Und nicht nur die Videoclips zur Lage, die durch sie verbreitet wurden, trugen zur Aufheiterung der zu Kontaktsperre und Heimarbeit Verurteilten bei, sondern auch die Technik selbst, zumal sich viele Ungeübte erstmals an ihr versuchten. Übertragungsschwierigkeiten, Bedienungsfehler, Nutzerscherze allenthalben: Für Kurzweil war gesorgt, wenn Schüler sich zum Chat mit der Lehrerin unter dem Namen der Rektorin einloggten oder die Großmutter als kopflose Dame munter drauflosplauderte. Nachdem sie endlich den Mikrofon-Button gefunden hatte.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass die Gesellschaft wirklich auf eine solche Situation vorbereitet war, lässt sich schwerlich behaupten. So lief der Unterricht an Laptop oder Tablet in vielen Fällen alles andere als reibungslos. Manch einer betrat das „Neuland“, wie die Bundeskanzlerin die digitale Welt vor nicht allzu langer Zeit bezeichnete, auf recht unsicheren Beinen und leicht orientierungslos. Da hätte die Ausstellung, die den Begriff der Regierungschefin als Titel trägt, womöglich Abhilfe schaffen können. Wäre sie denn rechtzeitig eröffnet worden. Aber zum Kummer der Kuratorinnen kam die Corona-Krise dazwischen, und es gab im Netz nur eine Ahnung von einer Ausstellung über das Digitale, die doch in den real existierenden Räumen des Frankfurter Museums für Kommunikation erlebt werden muss.

          Auf eine Corona-Spur begeben

          Das ist jetzt möglich. Die Ausstellung ist so aktuell, wie eine solche Schau nur sein kann. Denn nun können sich die Besucher auf eine Corona-Spur begeben, die mit Altrosa als Leitfarbe zu den allerjüngsten Entwicklungen in der neuen schönen, vor allem aber ungemein nützlichen Digitalwelt führt. Und die Verbindungen zwischen Menschen trotz des Gebots unterstützt, sozialen Abstand zu üben.

          Bis zu 20 Personen sind im Ausstellungsraum zugelassen, man kann ein bestimmtes Zeitfenster buchen, um ohne Verzögerung ins Haus am Schaumainkai zu gelangen. Ein freundlicher Herr mit Gesichtsvisier fordert einen auf, mit einem kräftigen Spritzer Desinfektionsmittel aus dem Spender die Finger auf allerlei interaktive Stationen vorzubereiten. Er händigt den Besuchern auch Touch-Pens aus, mit denen sie Schaltflächen und Knöpfe berühren können, ohne sich Keimen auszusetzen.

          Aufeinander aufpassen

          Es ist ruhig im Museum. Das ist für dieses Haus eher ungewöhnlich, denn wie in kaum einem anderen wimmelt es hier sonst vor Kindern. Schulklassen tummeln sich sonst im Behnisch-Gebäude, bewegen sich von einer Themen-Insel der Dauerausstellung zur nächsten, amüsieren sich etwa über Telefone mit Kabel und Gabel. Nun aber müssen sich die Besucher auf einen Rundgang begeben. Die Freiheit herumzustreunen, wie es einem gefällt, ist eingeschränkt. Und die Aufforderung, sich öfter die Hände zu waschen, ergeht in regelmäßigen Intervallen. „Ich finde es wichtig, dass wir aufeinander aufpassen“, sagt Kuratorin Tine Nowak, die zusammen mit Silke Zimmermann und Anjuli Spieker die Sonderausstellung „Neuland“ konzipiert hat. Es sei aber traurig gewesen, acht Wochen allein in der Ausstellung gewesen zu sein, und die Eröffnung, auf die sie fieberhaft hingearbeitet hätten, absagen zu müssen.

          Die Fragen aber, um die es in der Schau gehe, hätten durch Corona an Brisanz gewonnen. Als da etwa wären: Wer sind wir im Internet und wie viele? Wie verändert sich unsere Kommunikation, wenn wir gar nicht mehr wissen, ob wir mit Mensch oder Maschine reden? Was ist, wenn wir uns dem Zwang zur Optimierung des eigenen Körpers entziehen, der in den sozialen Medien herrscht? Was wird aus der Liebe, wenn wir sie im Internet suchen? Wie lernen wir Wahrheit und Fake News zu unterscheiden?

          „Die digitalen Tools haben gerade einen Schub erfahren“, sagt Silke Zimmermann. Und so stellen sich prompt neue Fragen. Wie die nach der künftigen Nutzung von Homeoffice. Und der Verbesserung von Konferenz-Apps. Die Kuratorin ist bei der Vorstellung der um den Corona-Pfad erweiterten Schau ebenso digital zugeschaltet wie Ralf Nemetschek, Chef der Nemetschek-Stiftung, Partner des Museums beim Erarbeiten von Ausstellungen. Er spricht von der gesellschaftlichen Veränderung, die mit der Digitalisierung einhergeht. Bis die Technik streikt: „Ich sehe Sie nur noch als eine Art Barcode.“

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