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Museum Angewandte Kunst : Philosophische Tiefe und betörender Glanz

Reflektor: Dan Graham, Pyramid, 1999 Bild: Dan Graham

Sein und Schein, Wirklichkeit und Abbild: Eine Schau im Museum Angewandte Kunst widmet sich dem Spiegel. Die Ausstellung teilt sich auf in zwei Wohnungen oder Lofts.

          2 Min.

          Der Spiegel ist nicht irgendein Objekt. Er ist ein Ding, das dem Denken dient. Wer in ihm nur ein Mittel sieht, ohne das es nicht gelingt, das Barthaar zu rasieren oder Rouge aufzulegen, ist von der ganzen Wahrheit weit entfernt. Diese aber ist so komplex, dass selbst eine Ausstellung wie die von morgen an geöffnete Schau „SUR/FACE. Spiegel“ im Frankfurter Museum Angewandte Kunst sie nicht völlig ausmessen kann.

          Michael Hierholzer
          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Immerhin aber nähert sie sich dem Spiegel als einer Megametapher, die das Verhältnis des Menschen zu sich selbst ebenso beschreibt wie die Möglichkeiten, die Welt zu erkennen, mit etlichen Werken der Kunst und des Designs von unterschiedlichen Seiten aus. Dabei geht es um nichts Geringeres als eine zweieinhalbtausend Jahre alte philosophische Tradition, die sich des Bildes vom Spiegel bedient und deren grundlegende Begriffe wie Reflexion oder Spekulation sich von diesem im Alltag so harmlos wirkenden Gerät ableiten.

          Keine klare Grenze zwischen autonomen Arbeiten und Kunsthandwerk

          Sein und Schein, Wirklichkeit und Abglanz, Gegenstand und Bild und dergleichen mehr begriffliche Paare verbinden sich mit dem Spiegel, der Reflexionsfläche, der Tatsache auch, dass alles, was wir von uns selbst sehen, stets spiegelverkehrt ist. In einem engeren ästhetischen Sinn aber steht der Spiegel auch für einen betörenden Glanz, den der Mensch allen möglichen Oberflächen zu verleihen offenbar bestrebt ist. Die wunderbare Warenwelt ist auf Hochglanz poliert, es scheint von besonderem Reiz zu sein, sich selbst darin widergespiegelt zu sehen.

          In der Ausstellung im Richard-Meier-Bau am Sachsenhäuser Museumsufer sind unter anderem die Arbeiten von Sylvie Fleury Beispiele für eine künstlerische Position, die sich der Oberflächenreize einer Welt der Mode, des Glamours, des Luxus bedient und diese noch verstärkt: Da genügen die Prada-Schuhe nicht, sie müssen in verchromter Bronze nachgebildet werden, um erst so richtig als die glänzenden Sachen in Erscheinung zu treten, die das Leben veredeln, desgleichen die Evian-Flasche, die in der Hochglanz-Variante erst deutlich macht, dass es kein gewöhnliches Wasser ist, das der Mensch mit Geschmack in sich hineinkippt.

          Die Ausstellung teilt sich auf in zwei Wohnungen oder Lofts, die man sich als Behausungen von Sammlern vorstellen kann. Allenthalben sind Arbeiten namhafter Künstler zu entdecken wie die „Mirror door“ von Olafur Eliasson, ein Spiegel an der Wand, beleuchtet von einem Scheinwerfer, eine imaginäre Tür. Denn dies ist schließlich ein weiterer wichtiger Aspekt des Spiegels: Er ist ein notwendiges innenarchitektonisches Element, wenn es um Täuschung und Illusionen geht. Die Vergrößerung von Räumen, die Verherrlichung des eigenen Ichs wie im Spiegelsaal von Versailles sind Aufgaben, die der Spiegel mit Leichtigkeit erfüllt.

          Wie in diesem Haus üblich zieht das Museum Angewandte Kunst keine klare Grenze mehr zwischen autonomen Arbeiten und Kunsthandwerk, und es ist nicht allein Tobias Rehberger, der in seinem Werk den Unterschied zwischen Design und Kunst aufgehoben hat. Auch Künstler wie John M. Armleder oder Heimo Zobernig spielen mit den Formen von Möbeln und Alltagsgegenständen, um sie in einem Kunstkontext noch einmal auf andere Weise zu spiegeln. Ein Vexierspiel, das zum Thema bestens passt. Die Arbeit freilich, die am besten mit der Spannung von philosophischer Tiefe und flirrender Oberflächen-Ästhetik umgeht, ist Mischa Kuballs Installation „Platon’s Mirror“. Die Reflexionen an der Wand sind der Widerschein dessen, was ein Beamer auf eine leichte Aluminiumfolie projiziert: die Wirklichkeit, schön, aber in ihrer Substanz nicht zu fassen.

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