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Mousonturm Frankfurt : Ist Techno tot?

  • -Aktualisiert am

Zusammen: Paula Rosolen und ihre Tänzer bei der Probe Bild: Frank Rumpenhorst

Wie man zu Techno tanzt: Die Frankfurter Choreographin Paula Rosolen bringt mit „16 Bit“ eine Hommage an die frühe Techno-Kultur auf die Bühne des Frankfurter Mousonturms.

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          Dass Techno tot sei, war schon häufiger zu hören und zu lesen. Schuld daran war in der Vergangenheit meist eine weitere Welle kommerziellen Erfolgs der elektronischen Tanzmusik, die dafür sorgte, dass Techno immer weniger mit Untergrund und Subkultur in Verbindung gebracht wurde. Wann genau der Untergang in Deutschland begann, dürfte umstritten sein. Schon mit dem Einzug in legendäre Clubs wie Dorian Gray und später Omen in Frankfurt, als nicht mehr nur in leer stehenden Ostberliner Gebäuden gefeiert wurde? Oder erst mit der Verbreitung in noblen Superclubs auf dem gesamten Globus? Mit der Corona-Pandemie trat in den vergangenen Jahren jedenfalls eine ganz andere Art der existenziellen Bedrohung für Techno auf den Plan, sowohl für die großen Clubs als auch für die verbliebene und nachgewachsene Subkultur, für das Nachtleben insgesamt. Techno ist kollektives Erleben, gemeinsamer Rausch, Nähe und Schweiß. Dem allen stand die Pandemie entgegen.

          Die Frankfurter Choreographin Paula Rosolen nahm genau diese Situation zum Anlass, ein neues Bühnenprojekt in Angriff zu nehmen, das sich der Technokultur widmet. „16 Bit“ lautet der Titel der daraus entstandenen Tanzperformance, die nun im Künstlerhaus Mousonturm zur Uraufführung kommt. Sie ist nicht die Einzige, die sich in der Pandemie näher mit Techno befasst hat, das weiß auch Rosolen. Das Nachtleben sei schließlich ein wichtiger Teil des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens, sagt sie, und auf einmal vollständig weggebrochen. Was von der Clubkultur die Pandemie überstanden hat und neu entstehen wird, ist noch nicht klar. Für Rosolen ist das aber nicht nur ein Problem der Pandemie. Auch unabhängig davon stellt sich für sie die Frage der Unterstützung von Subkulturstrukturen. „Unterstützen bedeutet nicht nur Geld geben“, betont sie. Es gehe auch um Räume und darum, wie groß die Hürden für Veranstaltungen seien.

          „Ich springe für jedes Stück in kaltes Wasser“

          Dass es nur noch wenige Spuren der Technopionierzeit in Frankfurt und dem restlichen Rhein-Main-Gebiet gibt und die Clubs aus dieser Zeit verschwunden sind, sei auch eine politische Entwicklung. Für ihr Stück hat sie sich viel mit dieser Zeit befasst, mit dem Jahrzehnt zwischen 1985 und 1995, der politischen Punkzeit des Techno. Sie führte Interviews mit Zeitzeugen, die nun ein Teil des Soundtracks der Performance sind. Auch für die choreographische Arbeit stützt sie sich auf alte Videobänder, Rohmaterial aus dieser Zeit, teils auch auf Beschreibungen.

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          Es sei eine Herausforderung gewesen, daraus Bewegungsmaterial zu entwickeln. „Ich habe keinen eigenen Bewegungsstil, ich springe für jedes Stück in kaltes Wasser und entwickle wieder alles von Neuem“, erläutert sie. Sie habe zwar ihre eigenen Arbeitsweisen, auf die sie in einem solchen Prozess zurückgreife, aber die Entwicklung der Choreographien orientiere sich immer am Gegenstand der Auseinandersetzung, am Thema der jeweiligen Arbeit.

          Dafür ist sie auch auf ihr Team angewiesen. Ihre Choreographien entstehen in enger Zusammenarbeit mit den Tänzern und Tänzerinnen, so auch bei „16 Bit“. Das Stück ist dennoch durchchoreographiert, die Bewegungsabläufe sind genau festgelegt und auf vorproduzierte Musik abgestimmt.

          Mechanische Beats, Exzess und Freiheit

          Musikalisch bildet der Song „Where are you?“ von 1986 den Ausgangspunkt, ein Hit des Dance-Projekts „16 Bit“ von Luca Anzilotti und Michael Münzing, dem der berühmte Frankfurter DJ Sven Väth seine Stimme lieh. Um den Song herum hat der Musiker Nicolas Fehr für die Performance neue Beats und Melodielinien komponiert und arrangiert, die moderner, aber nicht weniger überzeugend sind und im großen Saal des Mousonturms Clubatmosphäre aufkommen lassen. Obwohl oder vielleicht gerade weil Techno mit seinen „Four-to-the-floor“-Beats ein strenges Raster vorgibt, nach dem sich die tanzenden Körper richten, beginnt Rosolens Stück bei den Proben mit einer symbolischen Umkehr: Nicht die Musik steuert in dieser ersten Szene von außen die Bewegung, sondern mit einem Mikrofon werden die Klänge direkt vom Körper abgenommen und gesteuert.

          Das Spannungsverhältnis zwischen mechanischen Beats, die Rhythmus und Bewegung beherrschen, und dem mit Techno verbundenen Gefühl von Exzess und Freiheit deutet sich an und bleibt auch über den Abend hinweg virulent. Das habe aber nicht im Vordergrund gestanden, betont Rosolen. Es sei mehr um Kraft und Durchhalten gegangen. Auch das wird spürbar, wenn sich die Beats per Minute im Laufe des Stücks immer weiter nach oben schrauben und den Tänzern mehr und mehr Schweiß auf die Stirn treiben.

          Rosolen bringt mit „16 Bit“ eine tänzerische Hommage an die Technokultur auf die Bühne, die vor allem deren Sympathisanten Lust machen dürfte, sich (endlich) mal wieder eine Nacht lang vom Hämmern der Beats treiben zu lassen. Besonders wer sich dazu rechnet, ist bei einem Vorstellungsbesuch also gut beraten, auch einen Blick auf das nächtliche Programm der verbliebenen Technoclubs zwischen Offenbach und Frankfurt zu werfen. An einen kurzweiligen Theaterabend könnte sich womöglich eine lange Clubnacht anschließen.

          „16 Bit“, Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt, 13. und 14. Mai, 20 Uhr, 15. Mai, 18 Uhr

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