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Mousonturm : Juliette Lewis & The Licks: Leidenschaftliche Botschaften

  • -Aktualisiert am

„Sex sells”: Juliette Lewis Bild: F.A.Z. - Foto Michael Kretzer

Singende Schauspieler benötigt die Welt so dringend wie schauspielernde Sänger. Daß Ausnahmen die Regel bestätigen, dürfte zumindest Hollywood-Aktrice Juliette Lewis nicht entgangen sein. Ihre Staffage bilden vier junge Herren mit der Brillanz erstklassiger Pornodarsteller.

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          Jeder weiß heutzutage: Singende Schauspieler benötigt die Welt so dringend wie schauspielernde Sänger. Eine Weisheit, die der Sommer 2005 mit selbstbewußt plärrenden Koryphäen - von Jürgen Vogel über Katja Riemann und Mario Adorf bis hin zu Jana Pallaske - eindrucksvoll unterstreicht. Daß Ausnahmen die Regel bestätigen, dürfte zumindest Hollywood-Aktrice Juliette Lewis nicht entgangen sein.

          Eine seltsam unwirkliche Spannung zieht den minutenlang nahezu abgedunkelten Theatersaal des Frankfurter Mousonturms in den Bann. In die Hintergrundmusik mischt sich an- und abflauendes murrendes Geraune wie schrilles Pfeifen einer mit sehnsüchtiger Ungeduld harrenden Fangemeinde. Als Juliette Lewis mit einiger Verspätung endlich loslegt, entsteht für einen kurzen Moment der Eindruck, als stünde eine Neuauflage der Erstürmung der Pariser Bastille bevor.

          Garagen-Beat, Glam-Rock und Pop-Punk

          Der Anlaß ist jedoch keineswegs revolutionärer Natur, sondern bedeutend simpler: Zu hypnotischen Rockrudimenten entert Juliette Lewis die Bühne in einem atemberaubend hautengen Catsuit mit assymetrisch versetzten Hautfenstern und einen gehörnten Wikingerhelm auf dem Kopf. Die fast hüftlange Blondmähne wie ein Rennpferd vor dem Start nervös schüttelnd, das Mikrophon in lasziver Pose schwenkend, begreifen nicht nur männliche Zuschauer die Lebensmaxime von Playboy-Chef Hugh Hefner auf Anhieb: „Sex sells!“

          Die Hollywood-Ikone, die sich seit ihrem vierzehnten Lebensjahr mit recht eindrucksvollen Rollen der Schauspielerei widmet, kann weitaus mehr, als nur gewagt posieren: Von ebenfalls musizierenden Kollegen wie Keanu Reeves, Russell Crowe oder Johnny Depp unterscheidet sich die vorwiegend in verkaufsträchtigen Suspensefilmen wie „Kap der Angst“, „Kalifornia“ oder „From Dusk Till Dawn“ auftretende 32 Jahre alte Darstellerin in einem wesentlichen Punkt: Die mit Verve und Elan zügig abgespulten Songs ihres Debütalbums „You're Speaking My Language“ zeigen, daß ihre voluminös-rauchigen Vokalleistungen zwischen zitathaftem Garagen-Beat, Glam-Rock und Pop-Punk mitreißend sind.

          Von einer verrückten Welt erzählt sie leidenschaftlich und hemmungslos, von komplizierten Liebschaften, politischer Unbill in ihrem Heimatland und jenen nagenden Selbstzweifeln, über die sich Regisseur Oliver Stone einst bei den Dreharbeiten von „Natural Born Killers“ so lustig machte. Glücklicherweise bringt sie kein künstlich-verbrämtes „Jenny From The Block“-Gesülze wie Reißbrett-Entertainerin Jennifer Lopez.

          Herren mit der Brillanz erstklassiger Pornodarsteller

          Ihre ideale Staffage bilden vier junge Herren mit der Brillanz erstklassiger Pornodarsteller aus der derzeit wieder stark in Mode gekommenen Ära der siebziger Jahre. Sie wirken ebenso wild und entschlossen wie ihre mit Inbrunst sich ins Zeug legende, durch theatralische Grätschen und diverse weitere Dehnübungen sich als erstaunlich gelenkig erweisende Chefdompteuse. Sie geht auch mit dem enthusiastisch sie feiernden Auditorium permanent auf innigste Tuchfühlung und bringt das knapp eineinviertelstündige Spektakel auf den Siedepunkt, als sie sich stagedivend kopfüber in die Menge fallen und minutenlang auf Händen tragen läßt.

          Doch die Vorurteile einer eklatant harschen Filmbranche hängen der niveauvollen und facettenreichen Künstlerin bis in den Konzertsaal nach: Entweder spielt Juliette Lewis momentan die Rolle ihres Lebens, oder aber sie hat tatsächlich ihre wahre Profession erst jetzt gefunden. Ob sie nun einen Karrierewechsel vorbereitet oder aber ihr gegenwärtiger Job sich als genial gespielte artifizielle Erfindung, als ein weiterer Rollentausch erweist, nachdem sie sich schon zum Jahrtausendwechsel nach schwerer Kokainsucht zum bieder-braven Mädchen und zur überzeugten Scientologin wandelte? Schwer zu sagen. Die schon manisch zu nennende Inbrunst, mit der sie sich als weibliches Gegenstück ihres Idols und Rollenmodells Iggy Pop geriert, läßt derzeit eine eindeutige Zuordnung offen.

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