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: Monolog einer todgeweihten Seherin: Babett Arens spielt die Titelrolle in Christa Wolfs dramatisierter "Kassandra"

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Ein halbes Jahr lang hatte sie mit diesem Monster-Text zu tun. Aber wenn die Schauspielerin ihre vier Monate mit Horvaths "Don Juan" am Wiener Volkstheater abzieht, kommt sie doch nur auf zwei Monate Arbeit an der "Kassandra".

          Ein halbes Jahr lang hatte sie mit diesem Monster-Text zu tun. Aber wenn die Schauspielerin ihre vier Monate mit Horvaths "Don Juan" am Wiener Volkstheater abzieht, kommt sie doch nur auf zwei Monate Arbeit an der "Kassandra". In der Strichfassung des Regie-Teams Daniela Kranz und Jenke Nordalm war zwar nur etwa ein Fünftel der Erzählung von Christa Wolf übriggeblieben, genug aber, um die "Nachtschwärmer" unter den Theatergängern noch anderthalb Stunden vor Mitternacht zu bannen. Als todgeweihte Seherin aus Troja also tritt Babett Arens derzeit im "Zwischendeck", dem unteren Foyer des Frankfurter Schauspiels, auf: mit dem Monolog einer machtbewußten Frau, die sich, in ihre eigenen Widersprüche verstrickt, unter kriegslüsternen Männern zu behaupten sucht.

          Schon seit Beginn der Schweeger-Intendanz im Herbst 2001 gehört Babett Arens zum hiesigen Schauspiel-Ensemble. Oberspielleiter Anselm Weber, der vorher im Wiener Volkstheater Belbels "Blut" mit ihr inszeniert hatte, hat sie nach Frankfurt geholt. Unter seiner Regie war die Schauspielerin hier als Oberpriesterin in Kleists "Penthesilea" zu sehen, als älteste, schokoladensüchtige Tocher in Belbels "Zeit der Plancks" und im "Hamlet" als Osrick. Als Gattin von Wallenstein konnte sie sich nicht so recht profilieren, doch als Isolde in Elfriede Jelineks "Raststätte" bewährte sie sich unter der Regie von Monika Gintersdorfer. Aber erst als Kassandra kann sie über sich hinauswachsen und beweisen, was an Präsenz und Sprechkunst in ihr steckt. Daß sie Schauspielerin werden würde, hat sie schon immer gewußt. 1959 als Tochter eines Schauspieler-Ehepaars in München geboren, wuchs sie in Zürich auf, nachdem ihre Eltern von den Kammerspielen zum dortigen Schauspielhaus gewechselt waren. Sonderlich begeistert waren die beiden nicht, als die Tochter ihren Wunsch kundtat, ebenfalls zur Bühne zu gehen. Doch Babett Arens setzte sich durch, besuchte die Schauspielakademie Zürich und debütierte 1979 am Basler Theater.

          Nach drei Jahren in Basel hatte sie das Stadttheater satt und sehnte sich nach der freien Szene. Sie zog nach Paris, aber Ariane Mnouchkine war damals gerade in Machtkämpfe verstrickt und nicht auffindbar. So kam Babett Arens bei einer anderen Truppe unter, mit der sie auch beim Festival in Avignon gastierte. Außerdem lernte sie bei einem Workshop nach der Methodik des Arztes Roy Hart mit ihrer Stimme zu arbeiten. Aber auf Dauer war ihr das Pariser Pflaster zu hart. Der Zürcher Schauspieldirektor Gerd Heinz engagierte sie an sein Haus, wo sie unter Matthias Langhoffs Regie in Hürlimanns "Stichtag" mitwirkte. Langhoff vermittelte sie ans Hamburger Schauspielhaus, war aber selbst schon wieder fort, als seine Schauspielerin an der Alster eintraf. Als Tochter des geizigen Harpagon trat sie in einer Inszenierung von Wilfried Minks auf und arbeitete mit Peter Zadek und Susanne Lothar ein halbes Jahr lang an der "Lulu". Am Zürcher Schauspielhaus, wo sie nochmals zwei Jahre ihr Glück versuchte, lernte sie Altmeister Karl Paryla kennen, der dort die "Minderleister" von Peter Turrini inszenierte. "Eine tolle Begegnung", schwärmt sie noch heute.

          Ihre künstlerische Heimat fand Babett Arens erst 1991 bei Emmy Werner im Wiener Volkstheater. Überhaupt Wien: "Das ist wie Paris, nur die Leute sprechen Deutsch." Auch eine "Chaos-Produktion" mit Lessings "Minna" zum Einstand konnte sie nicht mehr schrecken. Schließlich durfte sie in der Traumrolle der Franziska auftreten. Einen zweijährigen Abstecher zur Burg wollte sie sich allerdings auch nicht versagen. Dort arbeitete sie mit Neuenfels zusammen, der sie als Kreusa in Grillparzers "Goldenem Vlies" besetzte. Zehn Jahre blieb Babett Arens in Wien, trat als freie Schauspielerin auch am dortigen Schauspielhaus auf und gastierte am Münchner Residenztheater und am Zürcher Schauspiel.

          Irgendwann wurde es ihr aber doch zu anstrengend, die Erwartungen der theaterbegeisterten Wiener zu erfüllen und dem Bild zu entsprechen, das sich das Publikum von ihr machte. Schon deshalb kann sie sich über die Frankfurter gar nicht beklagen. Geradezu "erholsam" sei es hier, äußert sie. "Die Zeit der Plancks" sei zwar in Wien besser besucht gewesen, aber dafür findet die Schauspielerin die Publikumsgespräche mit den Frankfurter Theaterbesuchern sehr interessant. Doch obwohl sie sich mit ihrem achtjährigen Sohn Kaspar in Bergen-Enkheim inzwischen zu Hause fühlt, will sie nach der nächsten Spielzeit nach Wien zurückkehren. (Die nächsten Aufführungen der "Kassandra" finden am 18. Mai um 22 Uhr sowie am 11. und 26. Juni um 22.30 Uhr statt.) CLAUDIA SCHÜLKE

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