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: Mit Akkuschrauber: Rossinis "Barbiere di Siviglia" am Staatstheater Mainz

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Angetan mit Hosenträgern, Strickjacke und Schlüsselbund, hat Don Bartolo (Hans-Otto Weiß) den Charme eines selbstzufrieden-autoritären Hausmeisters. In Frank Hilbrichs Neuinszenierung von Gioacchino Rossinis ...

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          Angetan mit Hosenträgern, Strickjacke und Schlüsselbund, hat Don Bartolo (Hans-Otto Weiß) den Charme eines selbstzufrieden-autoritären Hausmeisters. In Frank Hilbrichs Neuinszenierung von Gioacchino Rossinis "Il barbiere di Siviglia" für das Staatstheater Mainz präsentiert sich das Innere des dazugehörigen Hauses als Albtraum aus dem Baumarkt. Doktor Bartolo kauft billig und montiert seine Preßspanplatten höchstselbst mit dem Akkuschrauber. Das Resultat bildet einen scharfen Kontrast zum Interieur der Spielstätte, und man könnte über dieses Haus und seinen allmählichen Verfall im Handlungsverlauf unentwegt lachen, wäre es nicht zugleich offenkundiges Symbol einer schäbigen, phantasielosen, verpfuschten Existenz.

          Janice Creswell verkörpert die Rosina als selbstbewußt-attraktiven Teenie. Gegen die ihr zugedachte Rolle als braves Ehemäuschen Bartolos singt sie mit silbrig-flüssigem Timbre an, sucht in mannigfachen Verkleidungen und Rollenspielen den Weg zu sich und aus ihrem Gefängnis. Zum Schluß bekommt sie ihren geliebten Hungerleider Lindor, der sich als solventer Graf Almaviva zu erkennen gibt. John Carlo Pierce leiht dem Junggraf seinen bezwingenden Tenor, ein attraktives Erscheinungsbild, souverän-lässiges Auftreten. Man möchte der zukünftigen Braut gratulieren, wäre ihr Liebhaber nicht zugleich narzißtisch und zynisch. Den Weg zum Erfolg kauft er sich frei, steckt selbst seinem Kontrahenten Bartolo einige seiner zahllosen grünen Scheine zu. Hilbrich präsentiert den Almaviva als Täter in einer Welt, die selbst Gefühle und Menschen auf ihren Warenwert reduziert. Er antizipiert und verstärkt Elemente, die in Beaumarchais' und Mozarts "Hochzeit des Figaro" ganz offen zutage treten: Dieser Mann wird sich noch andere Rosinas aus dem reichhaltigen Angebot herauspicken.

          Das Haus Bartolos zeigt zu Beginn der Handlung seine abweisende, intakte Außenseite. Dann setzen auf der von Volker Thiele ausgestatteten Bühne tektonische Verschiebungen ein, reißen es auf und auseinander. Die Destruktion von Mobiliar und Wänden durch Menschenhand setzt das Zerstörungswerk fort und vollendet es. Der finale Trümmerhaufen gerät zur Parabel einer zerstörten Existenz, an deren offenen Eingeweiden sich die Masse delektiert. Der Vergleich zur heutigen Big-Brother-Mentalität, die sich solche Momente mit voyeuristischer Wollust inszeniert, liegt nahe, ohne ausgesprochen zu werden. Wie denn auch sonst das Bitterböse dieser Inszenierung lieber als subtiler Subtext mitläuft. Unter der Stabführung von Enrico Delamboye pflegt das Philharmonische Orchester des Staatstheaters einen hellwachen und virtuosen Komödienton, den kein Wässerchen zu trüben scheint. Auf der Bühne brennt Figaro (Richard Morrison) mit gewohntem Erfolg sein Feuerwerk ab. Und er macht das so gut, daß sich das Zwerchfell selbst dann noch in Bewegung setzt, wenn der Kopf ihm dies längst untersagen möchte. BENEDIKT STEGEMANN

          Nächste Vorstellungen am 8. und 11. April um 19.30 Uhr im Staatstheater Mainz, Großes Haus.

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